Kürzlich wurden Sie von der «Frankfurter Allgemeine Zeitung» als der fitteste Senior der Welt bezeichnet. Wie stolz sind Sie auf diesen inoffiziellen Titel?
Charles Eugster: Das ist sicherlich ein wenig übertrieben, aber es ist dennoch sehr schmeichelhaft.
 
Sie wollen kein Fitness-Prophet sein, sondern sehen sich eher als Vorbote. Wie lautet Ihre Botschaft?
Es ist möglich den Körper und das Gehirn umzuformen – und zwar in jedem Alter. Würde dies auch von der Wissenschaft endlich erkannt und stärker fokussiert, könnte dies, da bin ich mir sicher, die Revolution des Alterns bedeuten.
 
Inwiefern?
Ist heutzutage die Rede von den Menschen in den «goldenen Jahren», spricht man von der Generation der Babyboomer. Diese Generation hat ganz Europa aus dem Trümmerfeld aufgebaut. In ihr liegt ein unwahrscheinliches Potenzial.
 
Dieses Potenzial sehen Sie im Sport am besten aufgehoben?
Nicht im Sport, sondern im Training. Einem Training das Altersbeschwerden, wie Kraft-,  Koordinations- und Muskelmassenverlust, reduziert oder gar unterbindet. Dadurch bekommt man nicht nur einen neuen Körper. Nein, man kann ein neues Leben beginnen.
 
Und dann werden alle
100 Jahre alt?
Nein, es geht dabei nicht um Lebensverlängerung, sondern um die Verbesserung der Lebensqualität und den Beitrag zum Ganzen. Heute werden die meisten mit 65 pensioniert und leben dann noch bis 20, 25, 30 Jahre weiter. Diese Situation ist nicht finanzierbar und nicht tragbar.
 
Deshalb haben Sie bis 75 als Zahnarzt und bis 82 als Herausgeber einer Fachzeitschrift ­gearbeitet?
Richtig. Und heute – mit 91 Jahren –  habe ich eine Stelle als Fitness-Botschafter erhalten. Ich habe wieder eine Beschäftigung, was auch psychologisch wichtig ist. Ich empfand die Pensionierung schon immer als eine Falle.
 
Weshalb?
Pensionierte leisten keinen Beitrag zur Gesellschaft, sie konsumieren nur. Für mich war die Pensionierung eine Katastrophe, denn ich empfinde Arbeit als einen Segen.
 
Und deshalb haben Sie sich dazu entschlossen, sich nicht in Ihr Rentner-Schicksal zu ergeben?
Ich glaubte damals, ich lebe bis 85. Mit 86 war mir klar, dass sich die Situation geändert hatte und ich suchte nach einer neuen Herausforderung. Ich begann Krafttraining zu treiben, mich gegen den Zerfall meines Körpers zu wehren. Unter guter Aufsicht meiner Trainerin trainiere ich heute dreimal wöchentlich jeweils bis zu einer Stunde.
 
Haben Sie keine Angst, sich bei ihrem Fitnessprogramm zu ­verletzen?
Nein, denn das Training steht unter guter Aufsicht und ich bin gut trainiert. Die Vorteile einer Teilnahme an irgendeinem Wettkampf überwiegen ganz eindeutig, denn man trainiert mehr und zusätzlich löst der Wettkampf einen Adrenalinschub aus. Krafttraining fördert ausserdem die Produktion von Wachstumshormon – auch bekannt als Anti-aging-Hormone. Das Trainingsprogramm ist in der Tat eine Verjüngungskur.  Die Verbesserung der Lebensqualität, die ich dadurch erreiche, ist kaum in Worte zu fassen. Ich fühl mich einfach grossartig.
 
Machen Sie Sport aus Freude am Sport oder weil Sie fit bleiben wollen?
Es ist die Freude am Sport, Freude an der Bewegung und Freude am eigenen Körper. Mein Ziel ist es, eine gute Figur am Strand zu machen. Ich will den jungen, sexy «Meitlis» um die 70 den Kopf verdrehen. Deswegen streite ich mich allerdings auch immer wieder mit meiner Trainerin, denn ich will für einen Waschbrettbauch trainieren. Sie meint hingegen, dass es mein Po nötiger habe und will mir Übungen dafür aufschwatzen. Ich mach nun eben beides.
 
Können Sie sich auch ­entspannen?
Absolut. Ich geniesse die gesteigerte Lebensqualität und aktuell auch eine neue Beziehung. Des Weiteren überlegen meine Trainerin und ich, ob wir die Erkenntnisse meines Trainings in einem Buch festhalten wollen.
 
Die nächsten zehn Jahre sind also verplant?
Die Lebensdauer liegt in Gottes Hand. Doch mir ist es wichtig, den Menschen klar zu machen, dass man in jedem Alter seinen Körper und seinen Geist positiv verändern kann. Im Alter muss es nicht abwärts – sondern kann sogar stark aufwärts gehen. Die neuen Alten kommen!