Wie hat sich die Rolle des Kinderarztes in den vergangenen Jahren verändert?

In der Praxis sehe ich zunehmend, dass die Erwartungen der Eltern grösser geworden sind und man gesundheitliche Fragen und Probleme unmittelbar gelöst haben möchte. Verständlicherweise sind die Eltern besorgt um ihren Nachwuchs.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Zeit und vielleicht auch die Gelassenheit fehlen, um für gewisse Probleme die nötige Geduld aufzubringen beziehungsweise ein Problem auszuhalten. Wiederum sind die Eltern heute sehr  informiert, wenn nicht überinformiert. Daraus können Ängste entstehen, die ich als Kinderarzt ernst nehmen muss. 

Für Eltern ist das Elternsein in den vergangenen Jahren auch nicht einfacher geworden …

Das stimmt! Eltern sind andauernd bestrebt, alles richtig zu machen und ihren Nachwuchs optimal zu fördern. Heute gibt es ein grosses Angebot an Ratgebern, Frühförderkursen und komplementärmedizinischen Angeboten.

Das kann zu einer Verunsicherung der Eltern führen. Manchmal fehlt ein familiäres Netz, und damit auch die Erfahrung etwa durch Grosseltern, auf die man bei Fragen und Problemen zurückgreifen könnte. Viel eher wird dann «Dr. Google» befragt, der oftmals einen weiteren Beitrag zur Verunsicherung leistet. Gibt man ein Symptom ein, kommen meist die schlimmsten Diagnosen zuerst.

Für die Eltern kann es schwierig sein die Informationen, die sie im Internet finden, richtig einzustufen. Unsere Aufgabe sehe ich darin, die Informationen in Bezug auf das Kind zu filtern und zu gewichten. 

Wie gehen Sie mit dem Anspruch von Eltern um, die sofort weiterführende Untersuchungen für ihr Kind wünschen?

In der Tat sehen wir uns auch damit zunehmend konfrontiert. Wir sind heute in der glücklichen Lage, dass wir ein breites Spektrum an Diagnosemöglichkeiten haben und damit sehr viel abklären können.

Allerdings sehe ich hier ganz klar die Aufgabe der Kinderärzte, zu kanalisieren, was Sinn macht und was nicht. Die Frage ist: Was bringt uns weiter. Hier sage ich den Eltern häufig: Weniger ist mehr.

Ich mache lieber eine Untersuchung nicht, weil mir das keine zusätzliche Information bringt oder weil es eher eine Unsicherheit streut und uns nicht hilft. Nicht immer stosse ich damit auf Verständnis.

Welche Krankheiten haben bei Kindern in den letzten Jahren zugenommen?

Wir sehen eine Zunahme bei Allergien, sie gehören heute zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter. Weshalb Allergien so zunehmen, ist bisher unklar. Es gibt Studien, die zeigen, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, weniger an Allergien erkranken als Stadtkinder.

Möglicherweise entwickeln Kinder öfter Allergien, weil sie seltener Krankheitserregern ausgesetzt sind. Ebenso sehen wir eine Zunahme beim Übergewicht. Hier spielen die Ernährungsgewohnheiten sowie ein Mangel an Bewegung eine wichtige Rolle. 

Stichwort Ernährung. Wie sieht die Situation hier aus?

Die Ernährung ist heute zu einem komplexen Thema geworden und medial dauernd präsent. Für Eltern wirft das oftmals viele Fragen auf. Gleichzeitig sind Kinder ständig Verlockungen ausgesetzt, ihnen steht ein Überangebot an Nahrung zur Verfügung. Hier eine Balance zu finden, ist sicherlich nicht einfach. 

Das Thema Impfen beschäftigt seit jeher Generationen von Eltern. Wie erleben Sie das in der Praxis?

Impfungen bleiben ein wichtiges Dauerthema. Grundsätzlich kann man es so beschreiben: Es gibt Impfbefürworter und Impfgegner sowie eine Gruppe dazwischen, die hin- und hergerissen ist. Unsere Aufgabe ist es, möglichst objektiv zu informieren. Impfgegner sehe ich in der Praxis nicht sehr häufig.

Das hat aber wahrscheinlich damit zu tun, dass diese Eltern per se nicht einen Schulmediziner aufsuchen. Im Raum Basel hat meines Erachtens eine spürbare Impfabneigung jedoch nicht zugenommen. 

Welches sind, Ihrer Meinung nach, die Grundlagen einer guten Erziehung?

Astrid Lindgren sagte einmal: «Lasst eure Kinder in Ruhe, aber seid in Reichweite, wenn sie euch brauchen.» Das soll aber nicht heissen, dass man dem Kind nicht gewisse «Leitplanken» vorgibt.

Liebe und Vertrauen sind die wichtigsten Grundlagen, sie machen Kinder stark. Der Spruch «Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie gross sind, gib ihnen Flügel.» beschreibt dies treffend.