Das Video dazu wurde bis heute über zwölf Millionen Mal angeklickt. Dass sie vor einigen Jahren ein Gedicht über einen sehr aussergewöhnlichen Weihnachtsbaum schrieb, wissen wahrscheinlich nur die wenigsten …

Im Gedicht «Für meine Eltern» beschreibst du die liebe- und respektvolle Beziehung zu deinen Eltern. Wie ist dieser Text entstanden?

Meine Eltern und mein Bruder sind extrem wichtige Bezugspersonen für mich und bedeuten mir sehr viel. Geschrieben habe ich den Text etwa ein Jahr, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, für einen Poetry-Slam-Auftritt.
 

Damals ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, was meine Eltern für mich alles getan haben und noch immer tun.
 

Es fiel mir sehr leicht, die passenden Worte zu finden und das Gedicht ist super schnell entstanden. Es ist übrigens der einzige Text, den ich jemals nur mit Kugelschreiber geschrieben habe.

Eine Textzeile lautet: «Ich brauch nichts zeigen, und ihr seht mich, brauch nichts sagen, ihr versteht mich, brauch nichts haben, und ihr nehmt mich, nehmt mich einfach, wie ich bin».

Was zeichnet die Beziehung zu deiner Familie aus?

Wichtig ist mir, dass wir alle ehrlich miteinander sind, dass ich mich zu 150 Prozent ich selber fühlen kann und es keiner Worte bedarf, um zu wissen, dass wir füreinander da sind, dass jeder mit seinen Stärken und Schwächen in seiner Ganzheit gesehen wird.

Das zeichnet für mich die Beziehung zu meinen Eltern und meinem Bruder aus.

Wurde dir dein Talent vererbt?

Das ist eine komplexe Frage, mit der ich mich auch schon auseinandergesetzt habe. Sicher ist, dass Literatur in meiner Familie eine grosse Rolle spielt und ich damit aufgewachsen bin. Schon meine Oma war eine Gedichte-Liebhaberin und meine Mutter schreibt ebenfalls sehr erfolgreich Bücher.

Somit kann man in meinem Fall sagen: «Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm». Am Ende ist es aber wahrscheinlich eine Mischung aus verschiedenen Aspekten.

Was bedeutet Weihnachten für dich?

Weihnachten bedeutet für mich Freizeit, Ausschlafen, Zeit mit der Familie verbringen und Genuss.

Welche Kindheitserinnerungen hast du an Weihnachten?
Am Weihnachtsmorgen haben wir erst ausgiebig gefrühstückt und dann gemeinsam den Baum geschmückt.

Später durften wir nicht ins Wohnzimmer und mussten warten, bis das Glöckchen klingelte. Diese Spannung, gefolgt vom Moment, in dem wir endlich das Weihnachtszimmer betreten durften, habe ich noch heute in magischer Erinnerung.  

Was hat sich zu damals verändert?

Geschenke sind für uns heute nicht mehr wichtig und Materielles spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es darum, gemeinsame Zeit mit der Familie zu verbringen. 

Hast du spezielle «Weihnachtsrituale»?

Da bin ich relativ unspektakulär. Ich bin gerne dabei, wenn meine Freundinnen grosses Plätzchenbacken organisieren oder schlendere auch mal über einen Weihnachtsmarkt. Früher habe ich Adventskalender für meine Eltern gebastelt, aber ansonsten geniesse ich einfach die Zeit.
 

Ich sehe die Weihnachtszeit mehr als Zeit für Achtsamkeit und Gemütlichkeit als für Shopping und Weihnachtsstress.


Anstelle von materiellen Geschenken schreibe ich Karten für alle, die mir im letzten Jahr etwas bedeutet haben. 

Hast du schon mal ein Weihnachtsgedicht geschrieben?

Ja, hab ich! Ich habe vor einigen Jahren in einer Vierer-WG mit drei Jungs zusammengewohnt.

Eines Nachts wurde ich mit einem sehr originellen Weihnachtsbaum überrascht, den meine Mitbewohner an der Decke aufgehängt hatten. Gemeinsam haben wir den Baum mit allem Möglichen und Unmöglichen geschmückt.

Da kam mir die Idee, einen Slam über diesen Baum zu schreiben. Entstanden ist «the tree will rock you», das schlechteste Gedicht, das ich jemals geschrieben und vorgetragen habe. Aber meine WG fand es super. Und ich werde diesen Baum sicher nie vergessen.

Welches war dein bislang schönstes Weihnachtsgeschenk?

Ich erinnere mich an einen Gedichtband, den ich als Kind bekommen habe. «Dunkel wars der Mond schien helle.» Heute freue ich mich vor allem immer über selbstverfasste Briefe.      

Fotos: © Marta Urbanelis / Ben Wolf

Für meine Eltern
 

Ihr gebt mir Wurzeln in die eine und Flügel in die andere Hand und einen Kuss auf meine Stirn, der sagt mir: «Ich bin nicht alleine.»

Dann legt ihr zwischen uns ein Band, sodass wir uns nicht verlieren, sagt ihr. Und dass ich gehen kann, wenn ich will.

Und irgendwann geh ich raus. Aber hier draussen ist es so still, so ohne euch. Ihr seid nicht da, wenn ich aufstehe, seid nicht da, wenn ich schlafen gehe. Also schon, aber woanders und das ist nicht leicht.

Aber ich kann das. Und trotzdem fehlt ihr.

Auch wenn ihr mich nicht gefragt habt, gibt es da noch etwas, das ich euch noch nicht gesagt hab’.

Ihr seid mein Ursprung, meine Insel, mein Vertrauen und mein Schatz. Mein Mund formt euer Lachen, mein Herz schlägt euern Takt.

Ihr, ihr seid mein Beweis, dass Liebe mehr als Geld zählt. Seid der Rahmen für mein Weltbild. Alles, was für mich als Held gilt. Ihr gebt mir Halt, ohne mich festzuhalten, schafft es, wenn ich nicht kann, mich auszuhalten. Würdet nichts tun mich je aufzuhalten, eher bringt ihr mich dorthin.

Ich brauch’ nichts zeigen und ihr seht mich, brauch’ nichts sagen und ihr versteht mich, brauch’ nichts haben und ihr nehmt mich, nehmt mich einfach wie ich bin.

Und wenn ich Angst hab, seid ihr traurig. Wenn ich weine, weint ihr auch. Dann sagt ihr: «Sei nicht traurig.» Und dass ihr immer an mich glaubt und mir kann nichts passieren, weil ich weiss, ihr seid noch hier. Ich gehör’ zu euch und ihr gehört zu mir.

Ihr seid mein Ursprung, mein Vertrauen, meine Insel und mein Schatz. Mein Mund formt euer Lachen, mein Herz schlägt euren Takt.

Quelle: Auszug aus «Eines Tages, Baby» – Julia Engelmann