Jeder der rund 400 Soldaten und Rekruten in der Kaserne Lyss hat sie ins Herz geschlossen: die zugelaufene Katzendame Broccoli, die seit 2004 auf dem Waffenplatz Lyss ihr Zuhause hat. Nach vielen Dienstjahren ohne eine ordentliche Anerkennung ist die Waffenplatz-Katze nun Teil des Schweizer Militärs.

Ihr Auftrag: Sie soll in erster Linie für gute Stimmung sorgen.
 

«Brigadier Broccoli kümmert sich schon seit Jahren um das Wohl unserer Soldaten und Rekruten in der Kaserne. Sie sorgt einfach dafür, dass auf dem Waffenplatz eine gute Atmosphäre herrscht»,
 

sagt Werner Holzer, Mitarbeiter Gebäudebetrieb der Kaserne Lyss. Ehemalige Rekruten erinnern sich: Broccoli ist der unbestrittene Star der Kaserne. Viele Soldaten hätten jeweils nach Wochenenden leckere Naschereien für die Katze mitgebracht.

Erste Mahlzeit: Broccoli

Dass die heute 15-jährige Katzendame jetzt offiziell zum Militär gehört, hat mehrere Vorteile: Das Reinigungspersonal der Kaserne muss das Futter für Broccoli nun nicht mehr wie früher aus der eigenen Tasche berappen. Und der Armee-Tierarzt rückt nach Lyss aus, wenn Brigadier Broccoli Anzeichen einer Krankheit zeigt oder eine Impfung benötigt.

Ihren Namen hat die Katze im Übrigen, seit sie der Kaserne Lyss zugelaufen ist: Broccoli war die erste Mahlzeit, welche die Katze bei der Armee gefressen hat. «Als die Katze zu uns kam, war sie ausgehungert. Einem Küchengehilfen fiel ein Stück Broccoli-Gemüse zu Boden.

Die Katze stürzte sich sofort darauf und hat den Broccoli im Nu verschlungen», erinnert sich Werner Holzer. Normalerweise hat in einer Kaserne der Kommandant das Sagen. Nicht so auf dem Waffenplatz in Lyss im Berner Seeland. Hier gibt Brigadier Broccoli den Ton an. Wie bei den Soldaten gilt auch für Brigadier Broccoli: Ein Soldat ist erst ein richtiger Soldat, wenn er im Besitz eines Dienstbüchleins ist.

Deshalb bekam Brigadier Broccoli das entsprechende Dokument, inklusive einer AHV-Nummer mit den Ziffern 1291.007.3250. «Wofür die erste Zahl steht, sollte allen in der Schweiz bekannt sein. Die zweite Zahl stellt einen Bezug zu James Bond her, mit welchem Broccoli so einige Charaktereigenschaften gemeinsam hat.

Die letzte Zahl ist die Postleitzahl von Lyss und symbolisiert Broccolis Beziehung zu ihrem Herkunftsort», schmunzelt Werner Holzer.

Katzen sind soziale Wesen

Ein kleiner Exkurs: In jedem vierten Schweizer Haushalt lebt heute mindestens eine Katze. Mit andern Worten: Der Stubentiger ist mit Abstand das beliebteste Haustier. So verschieden die Hauskatze von ihrem äusseren Erscheinungsbild her sein kann, so unterschiedlich sind die Katzen auch in ihrem Wesen.

Während die einen wahre Draufgänger sind und am liebsten den ganzen Tag hindurch spielen oder ihre Beute jagen, sind andere verschmust und lassen sich gerne streicheln. Was allen Hauskatzen jedoch gemeinsam ist – und dies unabhängig von ihrer Anhänglichkeit zu ihren Besitzern – ist die Freiheitsliebe.

Hauskatzen sind im Übrigen entgegen der landläufigen Meinung keine Einzelgänger. Sie verhalten sich im Gegenteil vielfach sehr sozial. Auf Bauernhöfen, wo sie noch heute häufig gehalten werden, leben sie in Katzenfamilien zusammen. Nur auf die Jagd machen sie sich getrennt auf.

Die Herzen erobert

Brigadier Broccoli lebt nicht auf einem Bauernhof. Ihr Zuhause ist jedoch ebenso gross: Rund sechs Hektaren umfasst das Gelände der Kaserne in Lyss. Über Langeweile kann sich die Katzendame wahrlich nicht beklagen, sind doch immer zahlreiche Rekruten, Soldaten und Kaderangehörige anwesend. Broccoli hat sich ihr neues Zuhause seinerzeit selbst ausgesucht.

Sie war ursprünglich in einem Wohnquartier in der Nähe der Kaserne zuhause, hielt sich aber schon damals regelmässig auf dem Areal des Militärs auf. Ihre Besuche häuften sich mit der Zeit, bis sie eines Tages nicht mehr nach Hause zurückkehren wollte.

Die Katzendame eroberte sich rasch die Herzen vieler tierliebender Soldaten und Rekruten in der Kaserne Lyss. «Broccoli hat keine offizielle Aufgabe, ihre Anwesenheit tut unseren Rekruten und Soldaten einfach gut», sagt Werner Holzer, dem die Katze selber auch ans Herz gewachsen ist.

Die Geschichte der Armeekatze machte im Übrigen rasch die Runde: Unterdessen hat Brigadier Broccoli sogar eine eigene Facebook-Seite mit zahlreichen Fans. Dort veröffentlichten Soldaten früher regelmässig Fotos der Katze. Diese bekommt sogar Fanpost und manchmal auch ein «Fresspäckli» ‒ genauso wie die Rekruten und Soldaten, die auf dem Waffenplatz Lyss ihren Dienst absolvieren.

Zwei Katzentürchen installiert

Während früher die Soldaten privat für Broccoli aufkamen, gehört die Katzendame heute offiziell zur Schweizer Armee. Die Kosten für das Futter und auch das Honorar für den Tierarzt werden durch die offizielle Aufnahme von Broccoli in die Schweizer Armee vom Militär bezahlt.

Broccoli mag die Katze übrigens nicht mehr. «Sie gibt sich manchmal etwas heikel, was das Futter anbelangt», schmunzelt Werner Holzer. Die Katze hält sich oft in seinem Büro auf. «Sie macht es sich dann auf dem Bürostuhl oder auf der Heizung bequem.» In Holzers Schublade befindet sich auch der Impfausweis der Katze, ausserdem hat er anstehende Tierarzttermine auf seinem Computer gespeichert. Die eigentliche Bezugsperson von Broccoli ist Rita Friedrich vom Reinigungspersonal.

Sie kümmert sich um die Katze, vor allem dann, wenn die Kaserne über die Feiertage nicht besetzt ist. Damit Broccoli bequem ins Freie kann, wurden zwei Katzentürchen im Hauptgebäude der Kaserne Lyss installiert.

«Broccoli lässt sich gerne streicheln und wartet jeweils geduldig auf ihr Futter. Wenn sie jedoch falsch gestreichelt wird und ihr dies nicht passt, fährt sie schon einmal ihre Krallen aus», weiss Werner Holzer aus Erfahrung. Für die Soldaten und Rekruten gelten in Lyss strenge Regeln.

Nicht so für Broccoli: Sie geniesst die Sonnenstrahlen an warmen Tagen oder hält sich gerne auch mal in einem Wäschekorb auf. «Broccoli ist jedoch sehr gut erzogen», sagt Werner Holzer. Wie alle andern Armeeangehörigen hofft er, dass der Katzendame noch ein langes Leben beschieden ist. «Es wäre für uns alle sehr traurig, wenn die Katze plötzlich nicht mehr bei uns wäre.»