Die Phytotherapie bei Tieren erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Wie, Herr Walkenhorst, erklären Sie sich das?

Dafür sind im Wesentlichen zwei Gründe verantwortlich. Einerseits gibt es in der Schweiz seit Längerem eine positive Einstellung zur Komplementärmedizin und viele Befürworter der Komplementärmedizin sind auch Tierhalter.

Anderseits stellen wir eine Zunahme antibiotikaresistenter Bakterien bei Mensch und Tier fest. Erfreulicherweise interessieren sich immer mehr, vor allem auch junge Tierärztinnen und Tierärzte, für den Einsatz der Phytotherapie. Teilweise mag das der gestiegenen Nachfrage der Tierbesitzer geschuldet sein, beim überwiegenden Teil ist es sicher Eigeninteresse.

Bei welchen Tierarten kommt die Phytotherapie in erster Linie zur Anwendung?

Grundsätzlich bei allen Tierarten, insbesondere aber bei Pferden und Hunden. Zudem wird Phytotherapie bei vielen Nutztieren angewendet.

Welche Arzneipflanzen haben sich bei Pferden, Hunden und Katzen bewährt?

Hier gibt es eine breite Palette an Möglichkeiten. All diese Arzneipflanzen namentlich zu erwähnen, würde aber den Rahmen dieses Gesprächs sprengen. Es gibt unterdessen wieder einige umfangreiche Fachbücher zur Veterinärphytotherapie.

Die Phytotherapie bei Katzen sollte aber Spezialisten überlassen bleiben, da Katzen viel empfindlicher auf Pflanzenstoffe reagieren als andere Tierarten – sie sind ja von Natur aus reine Fleischfresser.

Wann kann man welche Pflanzen oder Arzneipflanzenkombinationen gezielt und sinnvoll einsetzen?

Arzneipflanzen enthalten eine artspezifische Komposition von unterschiedlichen Wirkstoffen. Diese Vielstoffgemische werden von Pflanzen beispielsweise erzeugt, um ihre Oberflächen zu schützen. Dies ist besonders wichtig, denn sie haben kein Immunsystem.

In der Phytotherapie macht man sich dies zunutze und behandelt unter anderem mit den natürlichen pflanzlichen Wirkstoffkombinationen erkrankte innere und äussere Oberflächen unserer Tiere: Haut-, Atemwegs- und Magen-Darm-Erkrankungen.

Wie ist es überhaupt zum Einsatz von Phytotherapie bei Tieren gekommen?

Schon immer haben sich Tiere gezielt mit Pflanzen selbst behandelt. Sie wählen dabei (intuitiv oder von ihren Elterntieren erlernt) Pflanzen aus, die ihr Wohlbefinden steigern. Heute fehlt unseren domestizierten Tieren in der Regel schlicht der Zugang zu diesen Pflanzen.

Auch Menschen behandeln sich und ihre Haustiere nachweislich schon seit einigen tausend Jahren mit Pflanzen.

Gibt es dabei auch Risiken zu beachten?

Auf jeden Fall. Im gesamten Pflanzenreich gibt es auch hochtoxische Pflanzen. Die Arzneipflanzen, die heute in der Tiermedizin eingesetzt werden, haben aber nur ein geringes toxisches Potenzial.

Auch bei Atemwegserkrankungen können phytotherapeutische Massnahmen Linderung verschaffen. Wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Ein Tier hat Husten. In den oberen Atemwegen sammelt sich zäher Schleim, Bakterien vermehren sich. Wirkstoffkombinationen aus bestimmten Arzneipflanzen (oder auch Arzneipflanzenmischungen) können beispielsweise gleichzeitig das Bakterienwachstum reduzieren, die Bronchien weiten und den Schleim verflüssigen.

All das regt die Selbstreinigungskräfte an, fördert das Abhusten des Schleims und verschafft dem Tier so Linderung. Man spricht daher in der Phytotherapie von einer Multi-Target-Wirkung.

Betrachten Sie alternative Behandlungsmassnahmen generell als sinnvolle Ergänzung zur traditionellen Schulmedizin?

Ich spreche bewusst nicht von Alternativmedizin, sondern von Komplementärmedizin, die, wie es der Name schon sagt, als Ergänzung zur Schulmedizin zu verstehen ist. Letztere hat in den vergangenen hundert Jahren immense Fortschritte gemacht, auf die ich ungern verzichten würde.

Bei dramatischen Erkrankungen ist man froh, dass man heute wirkungsvolle Medikamente zur Verfügung hat. Sie sollten aber nur dann eingesetzt werden, wenn es unausweichlich ist. Das Problem ist jedoch die massive Übernutzung dieser Medikamente. Arzneipflanzen haben das Potenzial, diese Übernutzung zu reduzieren.