Herr Bächtold, Sie sind Erdbebenretter im Nebenamt. Was ist Ihre Aufgabe bei der Rettungskette Schweiz?

Ich führe bei Erdbebeneinsätzen ein circa 20-köpfiges Team, bestehend aus Rettern, Hundeführern, Notärzten und einem Schadenplatzberater. Nebst dem Fachlichen, rasch und effizient Menschen zu orten, zu retten und die medizinische Erstversorgung sicherzustellen, ist es meine Aufgabe, auf die körperliche und seelische Verfassung meiner Leute zu achten. Als «Chief Operation» leiste ich wochenweise Pikett und bin Mitglied des Vorausdetachements. Ich bin zudem Ausbildner in den Bereichen Rettungstechnik, Sicherheit, Führung und internationale Zusammenarbeit und vertrete die Retter innerhalb der Facharbeitsgruppe der Deza.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich liess mich für meine militärische Tätigkeit zu den Rettungstruppen einteilen. Im Sommer 1999 absolvierte ich die Offiziersschule, als in Izmir in der Türkei die Erde überaus heftig bebte. Ich war einer von drei Aspiranten, die für den Einsatz ausgewählt wurden. Nach dem Einsatz wurde ich ins Korps aufgenommen. Gesamthaft konnten wir Schweizer damals zwölf Personen lebend retten und 78 Tote bergen.

Wie werden Sie von Ihrem Umfeld für Ihre Tätigkeit wahrgenommen?

Die meisten schätzen mein Engagement für in Not geratene Personen. Beruflich setzt es von meiner Familie, dem Arbeitgeber und meinen Mitarbeitern viel Verständnis und Flexibilität voraus.

Machen Sie sich vor einem Einsatz Gedanken darüber, was alles passieren könnte?

Ja. Jedoch mehr in psychischer als in physischer Hinsicht. Nicht die körperliche Eigengefährdung bereitet mir Sorgen. Viel eher ist es die hohe Wahrscheinlichkeit, im Einsatz mehr Tote als Lebende zu bergen. Ich habe bei meinen Rettungseinsätzen gelernt, dass ich mich selber aktiv schützen muss. Werde ich für einen Einsatz angefragt, stelle ich mir vor einer Zusage die Frage, ob ich aktuell physisch und psychisch in der Lage bin, ihn zu leisten.

Wie gehen Sie mit schlimmen Eindrücken bei den Bergungen um?

Ich vermeide den Augenkontakt mit den Toten, da solche Bilder erfahrungsgemäss lange in mir nachwirken. Ich darf zudem die einzelnen Schicksale nicht zu nahe an mich heranlassen. Es ist nicht leicht, mit dem Ohnmachtsgefühl und der ganzen Frage nach Gerechtigkeit umzugehen. Mitansehen zu müssen, wie viele Menschen ins Elend gerissen wurden, fordert mich mental enorm heraus. Gespräche mit meinen Kameraden und mit meiner Frau zuhause helfen mir, die schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten. Was mir ebenfalls viel Kraft gibt, ist mein Glaube an Gott.

Kam es für Sie bei der Rettung schon zu brenzligen Situationen?

Seitens Deza erfolgen ausführliche Abklärungen zur allgemeinen Lage und speziell zur Sicherheitslage im betroffenen Land. Alle Mitglieder der Rettungskette verfügen zudem über eine fundierte Grundausbildung und besuchen regelmässig Weiterbildungsmodule. Auf dem Schadenplatz haben wir ausgewiesene Spezialisten, die Risiken professionell einschätzen können. Die grösste Gefahr geht von Nachbeben aus, weshalb wir Rettungsstollen entsprechend abstützen. Ich habe mich bei Nachbeben mehrfach in solchen Stollen befunden und dabei auch schon mein Leben Revue passieren gesehen.

Haben Sie im Fall der Fälle Vorkehrungen für Ihre Familie getroffen?

Meine Frau und ich verfügen beide über eine Lebensversicherung. Die Absicherung des Ehepartners wollen wir in naher Zukunft mittels Abschluss eines Ehevertrages regeln. Auch innerhalb unseres engeren Familienkreises wollen wir die Thematik des Sterbens offen ansprechen.

Macht man sich aufgrund einer risikoreichen Tätigkeit eher Gedanken über die Absicherung der Familie?

Diese sollte unabhängig der beruflichen Tätigkeit von uns allen thematisiert werden. In unserem Alltag begegnen wir einer Vielzahl von Risiken wie zum Beispiel im Strassenverkehr. Auch einige Freizeitaktivitäten bergen gewisse Gefahren.

Welches war Ihr bisher schwierigstes Erlebnis?

Die Suche nach einer eingeschlossenen Frau und ihrem dreijährigen Sohn in der Türkei. Die verzweifelten Rufe der Mutter und ihres Sohns Mustafa, die wir trotz 20 Stunden hartem Einsatz nicht finden konnten, werden mich mein Leben lang begleiten.

Die schönste Rettungserfahrung, die Sie machen durften?

Diese ereignete sich rund 24 Stunden nach der Suche nach Mustafa. In der darauffolgenden Nacht konnten wir eine 70-jährige, zuckerkranke Frau finden und retten, nachdem diese über 115 Stunden in den Trümmern eingeschlossen war. Dass sie überlebt hat, war wirklich ein grosses Wunder.