Wie lange leben Sie schon im Alterszentrum?

Ich bin bald vier Jahre im Alterszentrum. Vorher habe ich in einer Wohnung in Witikon gelebt.  Ich  habe mich in meinen eigenen  vier Wänden sehr wohlgefühlt. Plötzlich wurde ich von meinem Umfeld jedoch immer öfter gefragt: «Hast du dich jetzt angemeldet?»  Tatsächlich habe ich mich dann auf die Warteliste eines Alterszentrums setzen lassen.

Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Das erste Jahr war ich noch ganz ruhig und habe gar nicht gross daran gedacht. Anders dann im zweiten Jahr. Ich wurde immer unruhiger und habe auf den Anruf des Alterszentrums gewartet. Ende Oktober kam dann DAS Telefon. Ein sehr schönes Zimmer war freigeworden. Einerseits freute ich mich sehr, andererseits galt es jetzt auch ernst. Das war schon eine turbulente Zeit.

Damit begann für Sie nochmals ein neuer, letzter Lebensabschnitt.

Das Abschiednehmen war für mich gar nicht so schlimm. In der ersten Nacht, nachdem der Umzug vollbracht war, kamen schon Gefühle hoch wie: «Jetzt ist es endgültig». Da ich mich in meinem neuen Zimmer jedoch sofort wohlgefühlt habe, war die Umstellung nicht so dramatisch. Mein erster Gedanke war: «Also in diesem schönen Zimmer möchte ich jetzt noch ein paar Jahre leben». Auch wenn man bei so einem Umzug ja vieles entsorgt;  die wirklich wertvollen Dinge nimmt man mit – Freunde, Erinnerungen, ein paar liebgewonnene Stücke.  Ich fühle mich sehr  wohl hier und bin mit meiner Entscheidung glücklich.

Was gefällt Ihnen am Leben im Alterszentrum?

Für mich ist es eine grosse Erleichterung, dass ich nicht mehr einkaufen und kochen muss. Zudem habe ich immer gemeinschaftlich gedacht und hatte lange Zeit die Idee, in einer grossen Wohngemeinschaft   zu leben. Diese habe ich nun – eine Wohngemeinschaft mit hundert Mitbewohnern ( lacht). Zudem hat man die Möglichkeit, aus einem vielfältigen Angebot an Aktivitäten auswählen zu können: Von Malkursen über Gedächtnistraining, Lesegruppen bis hin zu Tanzkursen. Ich erlebe immer wieder Menschen, die hier im Alter noch wahre Talente entdecken. Ich gehöre leider nicht dazu (lacht).  Ausserdem finden auch immer wieder Anlässe statt, welche das Quartier und das Alterszentrum zusammenbringen.  

Sie sind jetzt 92 und leben im Bewusstsein, dass Ihre Lebenszeit beschränkt ist. Denken Sie an den Tod?

Sicher; und nicht erst jetzt. Jedoch ist der Tod nicht allgegenwärtig. Und Angst davor habe ich keine. Mir hat dabei das Buch «Mut zur Endlichkeit» sehr geholfen. Wenn ich meinen Lebensbogen betrachte und ihn mit meinem Leben fülle, kann ich sagen, dass ich ein erfülltes Leben gelebt habe und immer noch leben darf. Das ist ein grosses Geschenk und dafür bin ich dankbar.

Welche Ängste haben Sie?

Eigentlich habe ich keine Ängste mehr. Obschon, doch, wenn ich sehe, wie die Menschen hier teilweise abgeben und zum Pflegefall werden oder sich geistig verabschieden, macht das schon Angst.

Wie definieren Sie persönlich den «Herbst des Lebens»?

Dazu kann ich Ihnen eine schöne Geschichte erzählen. In meiner vorherigen Wohnung habe ich im dritten, obersten  Stock gewohnt und hatte einen offenen Blick in die Alpen. Hier lebe ich zum ersten Mal im Hochparterre und sehe die Wurzeln der Bäume. Für mich hat dies einen grossen Symbolwert. Es ist wie mein Leben – ich habe unten gestartet, dann einen hohen Zenit erreicht und kehre jetzt wieder zu den Wurzeln zurück. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes bergab. Gleich wie in der Natur – der Herbst des Lebens. Es ist ein Loslassen und ein Abschiednehmen. Zugleich entdecke und sehe ich heute Dinge, die mir zuvor nicht aufgefallen sind. Ich geniesse jeden Moment. Über all dem Herbst im Alter liegt aber auch eine Melancholie, die mal leiser und mal lauter zu spüren ist. In solchen Momenten werde ich sehr nachdenklich.

Sie haben neun Lebensjahrzehnte durchschritten. Wie haben sich das Leben und die Gesellschaft aus Ihrer Sicht verändert?

Die Entscheidungsmöglichkeiten sind heute enorm und machen es den jungen Menschen sicher nicht einfach. Die Einstellung ist doch heute «mehr ist mehr». Man möchte immer höher, weiter, schneller und verliert dabei oftmals die wichtigen Werte des Lebens aus den Augen. Vieles tendiert heute ins Extreme auszuarten. Aber es gibt auch viele positive Veränderungen. Etwa die Stellung der Frau und dass Frauen heute immer mehr die Möglichkeit haben, Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen.  Was mich auch fasziniert und zugleich verunsichert, sind die technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Unglaublich, was es heute alles für mediale Möglichkeiten gibt.

Welche Wünsche haben Sie noch?

Ich wünsche mir für mich mehr Musse, um einfach das Sein geniessen zu können. Dann wünsche ich mir, dass ich möglichst lange wach bleibe im Kopf. Für die Welt wünsche ich mir Frieden.