Walter Andreas Müller, wie geht es Ihnen?

Danke für die Nachfrage. So weit gut, ich kann nicht klagen. Ich bin fleissig und munter.

Fleissig? Was haben Sie aktuell für Projekte?

Ganz aktuell spiele ich bei den Schlossfestspielen Hagenwil in einer bitterschwarzen Komödie, «Die Affäre Rue de Lourcine» die Hauptrolle. Ich gebe den rechtschaffenen Bürger Lenglumé, der – alle Indizien deuten darauf hin – mit seinem alten Schulfreund im Suff eine Frau ermordet hat.

Ab Herbst bis im Frühling 2019 werde ich im Musical «Hello, Dolly!» am Theater St. Gallen in der Rolle des Horace Vandergelder mitwirken. Zudem muss ich im Oktober die Hörspielfassung des neuen Globi Buches schreiben und produzieren. Sie sehen, es wird mir nicht langweilig …

Ihr Pensum ist beeindruckend. Denken Sie nicht daran, kürzerzutreten?

Ich fühle mich sehr gut und liebe meine Arbeit. Weshalb sollte ich da ans Aufhören denken?


Ich habe nicht das Gefühl, dass ich weniger Energie habe.
 

Ich verteile sie heute jedoch anders. Im Gegensatz zu früher schaffe ich mir heute mehr Freiräume und nehme bewusst Auszeiten. Ich setze meine Prioritäten anders.

In welchen Situationen spüren Sie Ihr Alter?

Ich bin momentan in der glücklichen Situation, dass es mir gesundheitlich blendend geht und ich keinerlei Einbussen in Bezug auf meine Aktivität spüre. Ich springe und tanze auf der Bühne herum wie eh und je.

Manchmal merke ich jedoch, dass mir das Textlernen verhältnismässig schwerer fällt als noch vor ein paar Jahren. Und dann bekomme ich es hin und wieder auch mit der Angst zu tun …

Weil Ihr Vater kurz nach seiner Pensionierung an Demenz erkrankt ist?
Ja genau. Die Angst, an Alzheimer zu erkranken, steckt mir im Nacken. Je älter ich werde, desto mehr Ähnlichkeiten sehe ich mit meinem Vater und denke manchmal: «Ui, wenn ich ihm äusserlich so ähnlich bin, dann habe ich möglicherweise auch eine genetische Veranlagung für diese schreckliche Krankheit.»

Ich habe in letzter Zeit zwei Schauspielerinnen erlebt, die innerhalb kürzester Zeit, von heute auf morgen, dement wurden. Das stimmt mich nachdenklich …

Was tun Sie für Ihre Vitalität? Haben Sie ein Geheimrezept dafür?
Da muss ich Sie enttäuschen … ein Geheimnis habe ich dafür nicht. Auch Ratschläge kann ich keine geben. Ich glaube, ich habe einfach Glück. Mein Vater ist mit achtzig Jahren nach jahrelanger Demenz gestorben, meine leibliche Mutter schon mit Mitte Dreissig.

Die Gene können es also nicht sein. Lacht. Ein Geheimnis ist vielleicht meine positive Lebenseinstellung. Gleichzeitig versuche ich, wach und neugierig zu sein.

Bestimmt achten Sie auch auf Ihre Ernährung und treiben Sport …

Ich bin ein Geniesser, schlage jedoch nicht masslos über die Stränge. Ich esse verhältnismässig wenig, nur am Morgen und Abend und achte auf mein Gewicht. Zudem trinke ich jeden Morgen einen frischgepressten Orangensaft. Die Schauspielerei ist ein Beruf, der fit hält und sportliche Aktivitäten einschliesst. Seit einiger Zeit habe ich zudem das Golfspielen für mich entdeckt.

Auf einer Golfrunde läuft man je nach Platz bis zu zwölf Kilometer und ist an der frischen Luft. Ein perfekter Ausgleich.
Ich habe allerdings aber auch meine kleinen Laster: Ich rauche Zigarren und trinke gerne ein Glas Wein.

Sie pflegen Ihren Partner, der nach einem Schlaganfall teilweise gelähmt ist. Ist das eine grosse Belastung für Sie?

Mein Partner ist so weit mobil, er kann jedoch nur eine Seite seines Körpers benutzen. Die Hausarbeit ist dadurch ganz in meine Kompetenz übergegangen.

Für mich ist das aber nicht nur Belastung, sondern die Situation gibt mir auch Kraft. Mein Partner und ich managen das ganz gut zusammen, zusätzlich werden wir ein wenig von der Spitex unterstützt.

Hat sich Ihr Humor mit dem Alter verändert?

Ja, es ist heute schwerer, mich zum Lachen zu bringen. Mein Humor ist mit den Jahren quasi «seriöser» geworden. Ich war noch nie ein Brüller, der im Theater schallend lachen konnte. Ich bin eher der Typ «Schmunzler».

Der Qualitätsanspruch für Humor hat sich definitiv verändert. Wenn der Humor unter die Gürtellinie geht, wird es bei mir kritisch. Das mag ich überhaupt nicht.

Welche Komiker gefallen Ihnen aktuell besonders?

Ich freue mich sehr, dass in der Schweiz eine junge Generation sehr guter Komödianten heranwächst. Michael Elsner, Fabian Unteregger, Claudio Zuccolini, um nur einige Namen zu nennen … Leute, die grossartige Sachen auf sehr hohem Niveau machen.

Wären Sie gerne nochmals zwanzig?

Nein, definitiv nicht! In dem Alter wusste ich nicht, wo mein Weg hingehen soll, ich war voller Unsicherheiten und Zweifel. Ich wollte ursprünglich Opernsänger werden, habe mich dann aber nicht getraut, meine Stimme gesanglich testen zu lassen. Ich dachte, ich sei mit meinen 1,62 Meter eh zu klein. So zwischen dreissig und fünfunddreissig – das fand ich ein wunderbares Alter.
 

Alle Türen standen offen, die Zeit spielte noch keine Rolle.
 

Heute beschäftigt mich das Alter natürlich manchmal, und mir stellt sich die Frage: «Wie viel Zeit bleibt noch?». Die Zeit ist die Tragik des Älterwerdens. Gleichzeitig denke ich und lebe danach: Carpe diem. Geniesse den Tag.

Ein jugendliches Aussehen und ein trainierter Körper sind heute auch für ältere Menschen zu einem erstrebenswerten Ziel geworden. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich finde ich es äusserst wichtig, dass man sich pflegt und zu sich schaut. Allerdings wird es schwierig, wenn man mit Schönheitsbehandlungen übertreibt und das Älterwerden damit aufhalten möchte.

Das funktioniert nicht und endet oftmals tragisch. Ich kenne einzelne Fälle, die es übertrieben haben und dann zu Karikaturen ihrer Selbst wurden. Wirklich schade! Alternde Gesichter erzählen Lebens-Geschichten und das finde ich sehr viel schöner als glattgebügelte, ausdruckslose Menschen.

Woraus schöpfen Sie Kraft?

Vorwiegend durch meinen Beruf. Ich habe einmal ein Interview über Giacometti gelesen, der auf die Frage, was Glück für ihn bedeutet, Folgendes antwortete: «Ich sehne mich nicht nach Glück, ich arbeite, weil ich unfähig bin, etwas anderes zu tun».

Das trifft es. Auch ich fühle mich durch die Arbeit hundert Prozent ausgefüllt und wüsste nicht, was ich anderes tun sollte. Gleichzeitig bin ich im Alter gläubiger geworden und schöpfe daraus Kraft. Und nicht zuletzt ist auch die Pflege meines Partners ein Motor, der mich am Laufen hält und mich vorwärtsbringt.