Welchen Sinn hat das Leben noch...

...wenn man sich nicht mehr mitteilen kann, das Gedächtnis seinen Dienst sukzessive versagt und man irgendwann zeitlebens auf fremde Hilfe angewiesen ist? Soll ich mich bei ernsthaften Anzeichen von Vergesslichkeit überhaupt medizinisch abklären lassen, obwohl es bis heute keine wirklich nachhaltig erfolgversprechenden Medikamente gegen Demenz gibt?

Mit solchen Fragen sieht sich Dr. Irene Bopp als leitende Ärztin am Zürcher Stadtspital Waid tagtäglich konfrontiert. In einem über 600-seitigen Buch mit dem Titel «Demenz. Fakten, Geschichten, Perspektiven» zeigt sie allerdings auf, dass ein Leben mit Demenz keineswegs nur Schattenseiten aufweist, sondern auch viele bereichernde, beglückende Erlebnisse und Momente ermöglicht.

Neben Fachleuten kommen im Buch zahlreiche Betroffene selber zu Wort, berichten über ihr Leben mit «Dr. Alzheimer im Kopf».


«Ich wollte ins Philosophische, Ethische, Spirituelle eintauchen und wissen, was diese Krankheit alles auslöst», umschreibt Bopp im Gespräch ein Kernziel.
 

Symptome bedeuten noch nicht viel

Gleich zu Beginn relativiert sie schon einmal das Problem, macht Verunsicherten Mut: «Noch lange nicht hinter jeder kognitiven Einbusse versteckt sich überhaupt eine Alzheimerdemenz.» Stoffwechselstörungen, Vitaminmangelzustände oder etwa Entzündungen könnten vergleichbare Symptome von Vergesslichkeit wie eine Demenz hervorrufen, ebenso eine Depression.

Nur ein Bruchteil der Patienten mit einer subjektiven Gedächtnisstörung und etwa gut die Hälfte der Patienten mit einer milden kognitiven Beeinträchtigung würden nach Jahren effektiv an einer Demenz erkranken – die andere Hälfte also nicht. Bei einem Teil der Patienten würde sich die Situation sogar im Laufe der Zeit wieder verbessern oder wenigstens nicht verschlechtern. Eine rechtzeitige Abklärung mache also durchaus Sinn.

Endlich Klarheit

Auch aus einem anderen Grund: Bevor Menschen in die Sprechstunde von Dr. Bopp kommen, liegt oft eine lange Zeit der Verunsicherung und auch einer schleichenden Angst hinter ihnen. Sie fänden Ausreden für die eigene Vergesslichkeit, relativierten oder verdrängten.

Oder aber sie würden wütend, weil sie die Leistungen in der Firma nicht mehr wie früher erbringen könnten. Manche schämen sich auch, suchen Streit oder Rechtfertigungen für ihr Verhalten.

Die Ärztin schildert den Fall einer starken Persönlichkeit, die im Berufsleben zunehmend Kränkungen erfuhr. Nach intensiven Abklärungen war die Diagnose Demenz klar. Im Vorfeld hatte der Patient noch Selbstmordabsichten geäussert, wenn er einmal eine solche Diagnose erhalte.

Irene Bopp kommt aber zum Schluss: «Es war gar nicht die Diagnose einer Alzheimerdemenz, die ihn fast in den Suizid getrieben hätte, sondern die unklare Situation, die an seinem Selbstwertgefühl rüttelte.» Der Ökonom sei nur noch auf seine Defizite aufmerksam gemacht worden und nicht mehr auf seine Stärken.

Endlich hatte er jetzt Klarheit. Auf Empfehlung der Ärztin machte er seine Krankheit im Geschäft umgehend publik, was äusserst positiv aufgenommen worden sein. «Eine offene Kommunikation ermöglicht es Betroffenen und Angehörigen gleichermassen, das Leben neu an die Hand zu nehmen, auch wenn die Diagnose zuerst schockiert.»

In der Mehrheit der Fälle führe die Diagnosestellung sogar zu einer Milderung der Symptome. Bei vielen Betroffenen ändere sich die Lebenseinstellung. «Sie beginnen, sich mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren, und schrauben auch ihre Ansprüche zurück.» Das Hier und Jetzt beginne einen viel zentraleren Stellenwert im Leben einzunehmen.

Über die Krankheit Bescheid wissen

Über die Krankheit sollten die Angehörigen aber unbedingt gut Bescheid wissen – vor allem auch, wie man mit Betroffenen umgeht. Auf Gespräche, Aufklärung und Tipps würde in der Memory-Klinik deshalb sehr viel Wert gelegt.

«Sprich mit mir» sei zum Beispiel eine tiefe Sehnsucht der Menschen. Wenn das Gespräch mit einem Kranken nicht mehr möglich sei, gebe es immer noch die Seelensprache, leise oder gar ohne Worte, nur in einer Gebärde ausgedrückt.

Momente der Freude wahrzunehmen und Momente der Geborgenheit zu schaffen, könne eine stimmige und fruchtbare Atmosphäre während der Krankheitsphase schaffen. «Das Annehmen des scheinbar nicht Annehmbaren kann dazu führen, das Geschenk des Lebens ganz neu zu verstehen.»

Ein Trost für alle sei auch zu wissen, dass ein Grossteil von Demenzkranken das wahre Ausmass der Krankheit gar nicht wahrnehme. Selbst der Tod verliere an Schrecken. Man könne die Hypothese aufstellen, dass Demenzerkrankte ab einem gewissen Stadium möglicherweise von Todesängsten befreit seien, weil ihnen das vorausschauende Denken fehle, sagt Bopp.