5 Tipps von Köbi Kuhn

Für den Körper

Bewegung und Sport tun mir gut. Ich schwimme, gehe in die Sauna, trainere auf dem Heimvelo. Dabei habe ich es letzthin aber übertrieben. Meine Knie sind nicht mehr für die Königsetappe auf der Alpe d’Huez geeignet.

Für den falschen Ehrgeiz

Fussball spielen muss ich heute nicht mehr. Wenn ich mir überlege, wie das aussähe: Ich, mit meinen einundsiebzig Jahren, renne dem Ball hinterher. Wobei, «rennen» könnte man das wohl nicht mehr nennen.  Das ist unnötig. Mit dem Jonglieren würde es wohl noch klappen.

Für Fussballfans

Früher war ich mit Leib und Seele dabei. Irgendwann merkt man, dass es einem besser geht, wenn man sich einfach vor dem Match mit Freunden trifft, etwas isst und trinkt, um dann gemütlich miteinander ans Spiel zu gehen. Ich liebe den Fussball, aber ich bin kein Fan. Ich zerreisse meine Saisonkarte nicht, wenn der FCZ ein Spiel verliert. Und ich kann mich sogar mal über einen GC-Sieg freuen, kein Problem.

Fürs Altersheim

Nein, sorry, dafür habe ich keinen Tipp. Daran denke ich keinen Augenblick. Im Gegenteil: Wir lassen unser Haus derzeit umbauen. Im Frühling ziehe ich mit meiner Tochter, meiner Schwester und einem Freund ein.

Für die Festtage

Weihnachten bin ich einmal bei meiner jüngsten Schwester und einmal bei meinem Bruder. Eigentlich könnte ich auch einen Weihnachtsbaum aufstellen, mal schauen. Die anderen machen das besser. Früher verreiste ich über die Festtage noch in die Berge zum Ski-fahren. Heute lasse ich das lieber. Ich muss mir nichts mehr beweisen. Dann schaue ich mir lieber ein Skirennen im Fernsehen an.

Köbi Kuhn, für eine ganze Nation – ob gross oder klein – sind Sie der «Köbi».Sogar Kinder rufen Ihnen «Köbi» zu. Ehrt oder ärgert Sie das?

Ich nehme das als Auszeichnung wahr. Es ist doch schön, dass man mich mag und die Leute mich gerne ansprechen. Da ich schon als 17-Jähriger in der ersten Mannschaft des FCZ spielte und als 65-Jähriger noch Nati-Trainer war, kennen mich halt die Alten und die Jungen, Männer und Frauen, Deutschschweizer und Tessiner.

Jeder kennt Sie. Wann fühlen Sie sich dennoch alleine?

Seit dem Tod meiner Frau kommt das öfter vor. Aber ich unternehme sehr viel, reise, gehe an Fussballspiele. Ich will nicht nur zu Hause rumsitzen und in den Fernseher starren.

Sind Sie so oft unterwegs, weil Sie sich bewusst sind, wie kostbar Ihre Zeit ist, oder weil Sie so den Tod Ihrer Frau verdrängen können?

Dass meine Uhr tickt, spüre ich überhaupt nicht. Ich fühle mich noch so gut, dass ich gar nicht daran denke, dass es für mich schon bald vorüber sein könnte.

Also verdrängen Sie den Hinschied Ihrer Frau.

Ja, auch. Wobei ich diese Reisen auch mit ihr unternommen hätte. Wir sind viel miteinander herumgereist und hatten eine Weltreise geplant. Nun bin ich ohne sie unterwegs und denke manchmal: «Schade, das hätte sie gerne gesehen.»

Sind Sie froh, dass sie vor Ihnen starb?

Ja, sehr. Sie ohne mich – das wäre fatal gewesen.

Sie haben sich in den letzten Jahren rührend um Ihre Frau gekümmert. Gibt es heute Momente, in denen Sie erleichtert sind, von dieser Aufgabe erlöst worden zu sein?

Nein. Ich habe das stets sehr gerne gemacht. Ich war in jeder Reha bei ihr, sass im Spital neben ihr, nahm Sie an Anlässe mit, wann immer sie Lust hatte. Ich empfand das nie als Last.

Trotz gesundheitlicher Probleme kam der Tod Ihrer Frau sehr überraschend.

Absolut. Sie schlief in der Nacht davor sehr gut. Am Tag wollten wir dann nochmals nach Nottwil fahren. Dort hätte ich im Umgang mit ihr geschult werden sollen. Dazu kam es nicht mehr. Vermutlich wollte sie das nicht mehr. Ich war bis zur letzten Sekunde bei ihr.

(Ein paar Tränen bahnen sich den Weg über Köbi Kuhns Wangen. Er räuspert sich und wischt die Tränen mit einem Taschentuch aus dem Gesicht.)

Ich wollte Sie nicht zum Weinen bringen, Herr Kuhn.

Das macht doch nichts. Solche Momente gibt es, wenn ich über die letzten Stunden nachdenke. Ich habe mich doch so gefreut, dass es meiner Frau wieder besser geht. Ich weiss nicht, ob sie sich sagte: «Besser kann es mir gar nicht gehen – jetzt gehe ich.»

Sie gehen oft ans Grab Ihrer Frau. Ein schwerer Gang?

Einer, der mir gut tut. Da findet eine Begegnung statt. Sozusagen ein Zwiegespräch, bei dem ich alleine rede. Der Gang auf den Friedhof bedeutet Abschied zu nehmen und nach vorne zu blicken. Neben dem Grab meiner Frau ist übrigens ein Platz für mich reserviert.

Was kommt nach dem Tod?

Diese Gedanken habe ich mir schon gemacht, allerdings finde ich keine definitive Antwort. Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass es weitergeht. Aber es wäre eine positive Überraschung. Vielleicht ist es wie im Fussball, wo es um Auf- und Abstieg geht und man sich für den internationalen Wettbewerb qualifizieren kann. Die einen schaffen es in die Europa League, andere in die Champions League. Vielleicht darf ich die dann nochmals erleben, wer weiss. (lacht)

Was bereitet Ihnen Freude?

Meine Familie und meine Freunde. Und Bewegung. Die Dusche nach dem Schwitzen und das Beine hochlagern danach – eine Wohltat.

Welche Wünsche haben Sie noch?

Ich hoffe darauf, noch viel Schönes erleben zu dürfen. Für meine Angehörigen hoffe ich, dass ich nicht dement werde. Das wäre für die anderen wohl schlimmer als für mich. Und zuletzt wäre es dann schön, wenn ich einfach sanft einschlafen und nicht mehr aufwachen würde.

Haben Sie genaue Pläne, wie sie sterben möchten? Zuletzt stand ja der frühere Ständerat This Jenny in den Schlagzeilen, weil er mit Exit aus dem Leben schied.

Nein, ich fühle mich noch viel zu jung und zu gesund. Mir ist aber klar, dass im Alter unvorhersehbare Prüfungen auf mich zukommen können. Dem begegne ich mit einer Portion Fatalität: Es kommt, wie es kommt. Ich kann es eh nicht ändern.

Gibt es Laster, die in diesem Leben noch weg müssen?

Nicht wirklich. Vielleicht sollte ich eine Stunde früher zu Bett gehen. Aber es gibt nichts, was ich bereue. Anlässlich der Fussball-WM reiste ich nach Brasilien. Dort traf ich zufällig Pelé, den vielleicht besten Fussballer aller Zeiten. Als er mich sah, erkannte er mich. Wir spielten 1969 gegeneinander, er beim FC Santos, ich mit dem FCZ. Wir waren direkte Gegenspieler – und Pelé erinnerte mich an ein Foul, das ich an ihm begangen hätte. Wir lachten und ich entschuldigte mich. Ich bin mit mir also im Reinen.

Welche Pläne haben Sie noch?

Ich habe die Welt vor vierzig Jahren bereist – nun will ich mir auf einer Weltreise alles nochmals ansehen und schauen, was sich verändert hat.

Im 2011 erhielten Sie die Diagnose Altersleukämie. Wie hat sich Ihr Leben seither verändert?

Ich lebe bewusster, klar. Aber das Wort «Krebs» klingt in meinem Fall schlimmer als es tatsächlich ist. Ich habe nur Schädigungen auf der Haut, nichts Tragisches.

Bestimmt hat Sie die Nachricht dennoch schockiert. Hatten Sie Angst, Sie müssten sterben?

Nein, ich wurde sofort beruhigt. Ein Arzt fragte mich im Gespräch: «Wie alt wurde Ihre Mutter?» Ich antwortete: «103-jährig.» Da meinte er: «Na gut, dann werden Sie halt 106.» Ich werde nicht an meiner Altersleukämie sterben.