Der Herbst ist die Zeit der Reife und der Ernte. Keine andere Jahreszeit beschenkt uns mit bunteren Farben. Das gilt im übertragenen Sinn auch für all die Optionen, die uns das Leben in seinem farbigen, dritten Abschnitt bereithält. Und für die reiche Ernte, die der Gesellschaft und dem Einzelnen daraus erwachsen kann.

Immer mehr Menschen dürfen diesen Herbst des Lebens erleben – auch in der Schweiz. Bis vor wenigen Jahren schien dies eine grundsätzlich positive Entwicklung zu sein. Wir waren stolz und glücklich, dass es uns dank des (medizinischen) Fortschritts immer besser ging und unsere Grosseltern und Eltern immer älter werden durften. Dieses Bild hat sich in jüngster Zeit verändert. Zunehmend wird der wachsende Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft als Belastung empfunden. Von «Überalterung» ist in den Medien die Rede oder, noch drastischer, von «Rentnerschwemme». Und schon steht auch das Schlagwort vom angeblichen «Rentenklau» zu Lasten der jüngeren Generationen im Raum.

Wir sollten den Blick öffnen auf das, was uns Menschen in ihrem Herbst des Lebens schenken.

Hinter diesen diskriminierenden Begriffen versteckt sich eine völlig einseitige Wahrnehmung: Nützlich ist allein, was der Effizienzoptimierung und Kostensenkung dient. Andere Werte verlieren – erschreckenderweise – an Bedeutung. Die zunehmend ablehnende Haltung gegenüber den Interessen und Anliegen älterer Menschen hat ganz direkte, persönliche Auswirkungen, wie wir bei Pro Senectute Kanton Zürich täglich erfahren müssen. Betagte Menschen kommen sich immer mehr als Belastung vor, fühlen sich ausgegrenzt und überflüssig. «Ich bin für die Gesellschaft ja nur eine Last. Darf ich denn überhaupt noch leben?», fragte mich kürzlich eine ältere Frau.

Die demografische Entwicklung stellt uns heute und in den nächsten Jahrzehnten vor Fragen, die keine einfachen Antworten und profanen Lösungen zulassen. Wie gewährleisten wir auch künftig eine möglichst gute Betreuung und Pflege älterer und hochaltriger Menschen? Wie können pflegende Angehörige entlastet werden? Wie wichtig sind uns dabei der soziale Ausgleich und die generationenübergreifende Solidarität? Und: Wie finanzieren wir die notwendigen Leistungen, ohne unsere Kindeskinder übermässig zu belasten? Diesen Fragen wollen und müssen wir uns stellen. Denn gerade auch junge Menschen sind zu Recht besorgt um die Zukunft des Vorsorge- und Rentensystems.

Darüber hinaus sollten wir als Gesellschaft aber den Blick öffnen auf all das, was uns Menschen in ihrem Herbst des Lebens schenken. Auf das, was sie uns zu sagen haben, und wie sie unser Zusammenleben bereichern. Das Alter ist eine reiche Quelle an Wissen, Erfahrung und Lebensweisheit. Wir alle sollten uns freuen, dass wir länger leben und aktiv am Geschehen teilnehmen können. Aber konkrete Lösungen können wir nur erarbeiten, wenn wir die Herausforderungen der Zukunft gemeinsam und nicht ausgrenzend angehen.

Seit bald hundert Jahren setzt sich Pro Senectute Kanton Zürich mit über 300 Mitarbeitenden und 4000 freiwillig Engagierten für das Wohlergehen und die Interessen älterer Menschen ein – und für ein solidarisches Zusammenleben der Generationen. Dieses Engagement wird wichtiger denn je. Mit unseren vielfältigen Dienstleistungen sorgen wir dafür, dass die zunehmende Zahl älterer Menschen – auch unter schwierigen Umständen – ihr Leben selbstbestimmt und in Würde verbringen kann.

Unser vielfältiges Sport-, Bildungs- und Kulturangebot ermöglicht Jahr für Jahr Tausenden eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. In vielerlei Weise unterstützen wir hilfsbedürftige Menschen in ihrem Lebensalltag. Und wir engagieren uns für sozialpolitische Rahmenbedingungen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und allen Menschen auch in Zukunft ein möglichst befriedigendes Dasein ermöglichen – damit der Herbst des Lebens nicht immer unbelastet, aber bunt und lebenswert bleibt.