Selbstständigkeit: Zuhause

Dem pflichtet Urs Widmer, Jahrgang 1927 und ehemaliger Stadtpräsident von Winterthur, bei. «Für mich ist es ganz wichtig, dass ich zu Hause in meinem vertrauten Umfeld sein kann.

Es bedeutet für mich Freiheit.» Urs Widmer hat das grosse Glück, dass er von seinen vier Kindern und zwölf Enkeln umsorgt wird.  Gleichzeitig unterstützt ihn seit einiger Zeit zweimal wöchentlich eine private Seniorenbetreuung.

«Wir helfen Herrn Widmer bei ganz alltäglichen Dingen wie Einkaufen, Wäschewaschen und Kochen. Aber auch gemeinsame Aktivitäten und Unterhaltung gehören dazu», erklärt Suzanne Morf.

Kraft durch Kunst und Literatur

Urs Widmer ist auch mit seinen 90 Jahren noch immer ein anregender und interessierter Gesprächspartner, der mit einem breiten Wissen über Kunst und Literatur beeindruckt.

Er lebt im ehemaligen Atelier des bekannten Malers Hans Schöllhorn, der unter anderem durch seine Knie-Plakate Berühmtheit erlangte. «Die Kunst, von der ich hier umgeben bin, gibt mir viel Kraft», sagt Widmer.  

Gleich im Nachbarshaus wohnt eine seiner Töchter. Sie war es denn auch, die veranlasste, dass ihr Vater eine zusätzliche Betreuungsperson bekommt. Nach einem Spitalaufenthalt und einer unerkannten Rückenverletzung hatte Urs Widmer körperlich abgebaut.  «Man wird auch nicht jünger», scherzt er. Inzwischen ist die Verletzung verheilt und der 90-Jährige wieder deutlich aufgeblüht.

Entlastung und Sicherheit

Für Urs Widmer bedeutet die zusätzliche Betreuung Sicherheit, für seine Angehörigen Entlastung. Für sie ist es eine Beruhigung zu wissen, dass er eine weitere Betreuungsperson hat. Zudem hat Urs Widmer ein grosses Netz an Freunden und Bekannten, mit denen er sich regelmässig trifft und die ihm helfend zur Seite stehen.

Damit Urs Widmer sicher in seinen eigenen vier Wänden leben kann, spannt die Familie zusammen und hat zusätzlich ein einfaches Kontrollsystem entwickelt. «Jede Woche hat eines meiner Kinder SMS-Dienst. Ich schreibe dann jeweils am Morgen, dass ich gut aufgestanden bin.

«Die Kunst, von der ich hier umgeben bin, gibt mir viel Kraft»

So wissen meine Kinder, dass alles in Ordnung ist, und ich habe die Sicherheit, dass sie nach mir schauen würden, wenn ich mich nicht melde», sagt Widmer. Besonders gefürchtet und leider auch weit verbreitet sind Stürze im Alter. 
 

Die Folgen bedeuten oftmals das Ende des selbstständigen Lebens und können zur vollständigen Pflegebedürftigkeit führen. Auch Urs Widmer ist schon gestürzt, hatte jedoch Glück im Unglück.

«Ich bin in Socken auf dem Parkett ausgerutscht und auf meinen Hinterkopf geknallt. Zum Glück habe ich einen harten Schädel», lacht er. Dennoch hat er aus diesem Erlebnis gelernt und trägt seitdem Hausschuhe. «Es ist wichtig, dass wir Betreuerinnen auch darauf achten, dass die Sturzgefahr reduziert wird», so Morf. Dazu gehört etwa, dass Stolperfallen wie rutschige Teppiche beseitigt werden.

Das hält mich vital

Im Gespräch merkt man Urs Widmer sein Alter nicht an. Er ist geistig hellwach und auch körperlich noch ausgesprochen mobil. Hat er dafür etwa ein Geheimrezept? «Es gibt drei existenzielle Dinge, die mich vital halten: das ist erstens meine Familie, zweitens lese ich sehr viel und drittens pflege ich regen Aussenkontakt mit meinen Freunden und Bekannten.»

Zudem verbringt er jeweils den Winter in seinem geliebten Valbella/Lenzerheide. Und was wünscht er sich für die Zukunft? «Weiterhin klar im Kopf zu bleiben und nicht zu einem Pflegefall zu werden. Und ich möchte gerne bis zum Schluss in meinen eigenen vier Wänden leben.»