Wirst du eigentlich erkannt, wenn du nicht als Müslüm zurechtgemacht bist?

Nein, das ist der grosse Vorteil, ich kann im Bus zuhören, wenn jemand über Müslüm spricht. Direkt und ungefiltert.

Und gibst du dich dann zu erkennen?

Würde schon Spass machen. Aber ich bleibe still. Ein Vater hat mir mal seinen Sohn vorgestellt, ich sei jetzt der Müslüm. Der Junge hat mich gar nicht erkannt: Ich sei nicht der Müslüm!

Du selbst bist ja in Bern aufgewachsen. Warst du als Kind mal im Bundeshaus?

Bis heute noch nie! Letztes Jahr wollte ich für eine TV-Sendung als Müslüm rein, aber maskiert liess mich die Polizeikontrolle nicht durch.

Hast du dich als Kind einer türkischen Familie auch manchmal ausgesperrt gefühlt?

Ich wuchs zum Glück in einem Quartier auf, wo viele aus derselben soziokulturellen Schicht stammten. Weil wir als Gastarbeiterfamilie materiell nicht so gesegnet waren, haben wir uns an kleinen Sachen gefreut. Moment mal … (Zu seinen Mitfahrern) He, redet doch nicht alle durcheinander! Ich kann mich überhaupt nicht auf dieses Gespräch konzentrieren! Sorry, meine undisziplinierte Band. Ich hab Hierarchie halt noch nie verstanden, stelle mich immer selbst in Frage.

Woher kommt das?

Die erste Generation Gastarbeiter drückt durch. Wir sind nie der Chef. Man lernt Unterwürfigkeit, wenn der Aufenthalt mit ständiger Angst verbunden ist. Jeder Anruf war ein potenzieller Anruf der Fremdenpolizei. Der Klingelton hat nie positive Gefühle ausgelöst.

Wie hast du als Kind darauf reagiert?

Schon in dem Alter hab ich mich an den Instanzen gerächt. Ich rief diese Institutionen an. Daraus kam die Kraft für meine späteren Scherzanrufe beim Radio. Ein einziger Anruf konnte unser ganzes Leben versauen. Früher bauten wir den Gotthard, heute spielen wir auf Schweizer Bühnen.  

Ist dein künstlerischer Erfolg nicht Beweis für eine multikulturelle Schweiz?

Wo hat der denn stattgefunden? Youtube ist ja nicht schweizerisch. Hier wirst du gespielt, wenn du in ein Zielgruppen-Muster passt. Ich bekomme von den Radiostationen zu hören, «das ist zu orientalisch». Das hat nichts mehr mit Kunst zu tun. Kunst ist ein Gefühlszustand! (Ausser Atem.) Wie kann ich mit «Süpervitamin» 3,8 Millionen Plays haben – aber nur vier Airplays in der Schweiz kriegen? Warum ist «Samichlaus» das meistgesehene Mundart-Video auf Youtube – und wird am Samichlaus-Tag nicht ein einziges Mal gespielt? Weil ich nicht dem Ideal entspreche. Andrerseits kommen 3000 Menschen zu meinem Konzert in Adelboden und singen «Ich bin ein Ausländer, ein Immigrant».

Deine Musik hat was Völkerverbindendes ...

Menschenverbindendes! Ironischerweise hab ich den C-Ausweis. Ich will gar keinen Schweizer Pass. Ich bin Schweizer! Aber nicht wegen einem Stück Papier. (In breitestem Berndeutsch) Schweizer sein ist ein Gefühl!

Die Prognosen deuten auf einen Rechtsrutsch hin. Kann man von dir zu den Wahlen wieder mit politischen Songs rechnen?

Ich hab noch nie an die Institution der Politik geglaubt. Ich wusste nicht mal, dass Wahlen sind. Ich glaube nicht an dieses Gegeneinander.