Wenn ich zusammen mit Gülsha «Noiz» moderiere, dann rede ich so, als würde ich mich mit meinem Kollegen unterhalten. Gut, zugegeben, ich fluche vor der Kamera weniger. Ich bin halt doch ein bisschen ein... naja, nein, Vorbild will ich es nicht nennen. Das gefällt mir nicht. Aber was macht das denn für eine Falle, wenn ich da herumfluche wie ein Kutscher?! Diesen Part überlasse ich gerne meiner Co-Moderatorin. Ich bin da lieber ihr Gegenpol.

Ich bin nicht Vujo!

Ganz ehrlich: Ich will mir nicht mit schlechten Manieren etwas verbauen. Bei anderen ist dieser Trash sogar Programm – ich denke hier etwa an Bachelor Vujo mit seiner Freizügigkeit und seinen Frauensprüchen – und das ist ganz okay so. Aber das bin nicht ich. Es gibt entsprechend auch nichts, das ich vor der Kamera gemacht habe, was ich jetzt bereue. Ja, der Poledance hätte nicht sein müssen, das würde ich so nicht mehr tun. Ich habe mich zum Affen gemacht. Aber schlimm war das auch nicht. Schlimm wäre es gewesen, hätte ich mich via Twitter über die Reichskristallnacht lustig gemacht.

Bieder, bieder

Klingt bieder, was? Da meint man, der Joiz-Moderator muss doch obercool und ein krasser Typ sein. Falsch gedacht. Ich bin im beschaulichen Frauenfeld gross geworden. Meine grösste Jugendsünde war ein Feuerwerk, das wir unkontrolliert im Wald abgefackelt haben. Ob die Feuerwehr deswegen oder aus einem anderen Grund ausgerückt ist, weiss ich bis heute nicht.Auch mit Drogen kam ich nie in Kontakt. In meinem Freundeskreis wurde höchstens mal gekifft, ich habe es probiert und wurde einfach nur hundemüde. Das war nichts für mich.

Eingebuchtet in Lettland

Nicht mal eine Zigarette habe ich je geraucht. Das interessiert mich alles nicht. Bis ich 16-jährig war, habe ich keinen Schluck Alkohol getrunken. Ich liebe die Ruhe, das Grüne, das Wandern. Bieder, bieder.

Ja, der Poledance hätte nicht sein müssen, das würde ich so nicht mehr tun!

Und dass ich einst in Lettland eingebuchtet wurde, dafür konnte ich nun wirklich nichts. Ich war mit Freunden an einem Fussballspiel in der lettischen Hauptstadt Riga. Die Schweiz spielte auswärts gegen Lettland. Später bummelten wir durch die Stadt – und wurden grundlos verhaftet. Zehn Polizisten packten uns in einen Kastenwagen und steckten uns ins Gefängnis. Zwölf Stunden ahnungslos in einem Ostblock-Gefängnis. Ein Mithäftling war am Verbluten, einem Kollegen wurde auf dem Wachposten das Portemonnaie gestohlen, ich habe natürlich keine Sekunde geschlafen. Morgens um drei Uhr schickte ich meinem Vater eine SMS – aus unerklärlichen Gründen nahmen sie uns die Handys nicht weg – mit folgendem Text: «Lieber Papa, sitze hier in Riga in der Zelle. Falls du bis morgen um 12 Uhr nichts von mir hörst, informiere bitte die Botschaft.» Seine Antwort: «Okay.» Eingesperrt wurden wir übrigens wegen angeblicher Erregung öffentlichen Ärgernisses. Am nächsten Morgen wurden wir gegen eine Busse von 150 Franken freigelassen.

Am Puls der Jugend

Ist die heutige Jugend schlechter, frecher oder sogar dümmer als früher? Waren wir mit 18 Jahren anders? Ich glaube nicht. Dank unserer Sendung bin ich noch immer am Puls der Jugend. Dank den Feedbacks unserer Zuschauer, weiss ich, wie die Jugend von heute tickt. Anders ist halt, dass sich heute jeder via Social Media binnen Sekunden mitteilen kann. Da appelliere ich an den gesunden Menschenverstand. Manchmal lohnt es sich, kurz durchzuatmen, bevor man die Mitteilung in die Welt rausschickt.

Weder Bikini-Fotos noch Gewalt!

Ich selbst bin unheimlich froh, dass ich in jenem Alter noch nicht ständig mit diesen sozialen Medien beschäftigt war. Das wäre nicht mein Ding gewesen. Heute habe ich beruflich viel damit zu tun. Wir bauen sehr auf solche Kommentare und Posts. Entsprechend wissen wir auch, dass wir Verantwortung tragen. Gewiss, für die Erziehung sind in erster Linie die Eltern der Teenies verantwortlich. Aber auch wir übernehmen unseren Teil. Wir machen bei Kampagnen mit, bei denen es darum geht, den Leuten ins Bewusstsein zu rufen, was man mit der Veröffentlichung von Bildern auslösen kann. Wir würden auch nie einen Wettbewerb starten, in dem wir unsere Zuschauer auffordern: «Schick uns deine besten Bikini-Fotos!» Auch explizite Gewalt würden wir nie zeigen.

Ist Irina Beller wichtig?

Aber eben: Dass die heutige Jugend schlechter oder fauler wäre als früher, glaube ich nicht. Das ist ein Vorwurf der älteren Generation, den es schon vor tausenden Jahren gab. Letztlich ändern sich einfach die Zeiten, die Mittel, die Interessen. Es liegt mir fern, Moralapostel zu spielen und den Mahnfinger zu heben. Stattdessen halte ich den Jungen lieber den Spiegel hin, zeige ihnen, was sie so tun und lasse sie reflektieren. «Wie wichtig sind denn Geschichten rund um die prollige Irina Beller, wenn gleichzeitig in der Ukraine Krieg herrscht?», frage ich meine Zuschauer indirekt. Die Jugend von heute ist clever genug, um darauf selbst zu antworten.