FACTS

Die Variabilität beim Stillen kann sehr gross sein. Dazu ein paar Kennzahlen:

4-13: Anzahl Stillvorgänge pro Tag

12-67 Minuten: Dauer eines Stillvorgangs

54-234 ml: in einem Stillvorgang getrunkene Milchmenge

478-1356 ml: in 24 Stunden getrunkene Milchmenge

Erhält mein Baby genügend Milch? Wie oft muss ich es stillen, und weshalb trinkt das Baby meiner Freundin weniger häufig? Solche Fragen bringen Mütter in der Stillzeit um den Verstand. Viele suchen Rat und Hilfe beim Frauen- oder Kinderarzt oder in Internetforen. Jetzt gibt es darüber neue gesicherte Erkenntnisse. Dank Studien der führenden Laktationsforscherin Jacqueline Kent können die Grenzen, was «normal» ist beim Stillen, neu gesetzt und solche Fragen besser beantwortet werden. Kent wird ihre Analysen erstmals am 9. Internationalen Still- und Laktationssymposium von Medela Anfang April in Madrid vorstellen.

Mütter können aufatmen
Gemäss Kents Erkenntnissen gibt es keine Norm für das Stillen. Und kein Regelsystem, das bestimmt, wie richtig gestillt werden soll. «Die Studie zeigt, dass jede Stillbeziehung zwischen Mutter und Baby einzigartig ist und sich während der Stillzeit anpasst und verändert», betont Kent. Die Unterschiede bezüglich Stillen seien natürlich und stellten nicht notwendigerweise einen Hinweis auf eine ungenügende Milchproduktion oder andere Probleme dar. Manche stillende Mutter dürfte damit aufatmen, und Kents Schlussfolgerungen werden in Zukunft Familien ein ganz neues Verständnis für das Stillen eröffnen. Ein besseres Wissen über die Variabilität und die zu erwartenden Änderungen in Stillmustern werden die Zuversicht der Mütter bezüglich ihrer Milchbildung stärken (s. Box). Die Resultate der Studie zeigen ausserdem, dass gestillte Säuglinge ihre Milchaufnahme steuern können, so dass diese ihrem Hunger und ihrem Wachstum entspricht. Mit andern Worten: Sie trinken so viel Milch wie sie tatsächlich benötigen.

Neues Selbstvertrauen
Auch zeigte sich, dass Säuglinge üblicherweise ein breites Spektrum an Stillmustern haben. Über die Stillzeit vom ersten bis zum sechsten Monat nehmen sie weniger häufig, dafür raschere und grössere Mengen an Milch ein. Insgesamt aber bleibt die pro Tag getrunkene Menge unverändert. Kents Forschungsergebnisse legen zudem den Schluss nahe, dass von Säugling zu Säugling grosse Unterschiede in den Stillmustern bestehen. «Eine Anpassung an Durchschnittswerte ist deshalb schlicht nicht notwendig», fasst Kent zusammen. Ihre Studienresultate vermitteln zweifellos wichtige Erkenntnisse, von denen Pflegefachkräfte profitieren können. Müttern geben sie neues Selbstvertrauen. Zu wenig Milch wird nach wie vor häufig als Grund aufgeführt, weshalb Mütter das Stillen aufgeben sollten. Die Sorge, dass das Baby nicht genug Milch erhält, ist natürlich ernst zu nehmen. Manche Mütter vermuten auch, dass ihr Baby häufiger trinkt, weil die Aufnahme bei jedem einzelnen Stillvorgang zu gering war. Die umfassenden Studien von Jacqueline Kent zeigen indes, dass dies nicht notwendigerweise zutreffen muss. Dank ihren neusten Arbeiten können sich sowohl Mütter wie auch Pflegefachkräfte besser auf die Stillerfahrung vorbereiten. Die Forschungsergebnisse relativieren zudem überholte Still-Mythen. Sie sind deshalb wegweisend für ein natürlicheres Verhältnis zum Stillen.