Herr Lüdin, die vorgeburtliche Entwicklung ist enorm wichtig für Eltern und das Ungeborene. Welche Funktionen entwickelt ein Baby bereits während der Schwangerschaft?

Es entwickelt eigentlich bereits alle wichtigen Funktionen. Das ungeborene Kind hört, sieht, schmeckt, lächelt, weint und schluckt schon im Mutterleib. Es lernt und versteht Sprachen, entwickelt die Motorik und zeigt Gefühle. Es entsteht eine Bindung.

Was bedeutet pränatales Bonding eigentlich genau?

Mit Bonding ist gemeint, dass eine Beziehung zwischen Eltern und Kind entsteht. Möglich ist dies über die Gefühle und Sprache der Eltern zum Kind.

Durch das Reden mit dem Baby fördern wir dessen kommunikative Fähigkeiten. Kontakt geschieht auch über die Bauchdecke, indem man die Hand daraufhält oder den Bauch streichelt. Für das Baby ist dies spürbar. Berührt zu werden, ist eine Urerfahrung, ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen und ein Anreiz zum Wachsen.

Wir «berühren» ebenso mit Worten, Blicken, Gedanken und Gesten. Dies geschieht über Spiegelungen und Resonanzen.

Wie kann die Mutter-Kind-Bindung schon in der Schwangerschaft gestärkt werden?

Durch die Freude der Eltern, ja des Umfelds am ungeborenen Leben. Eine positive Grundeinstellung zum Kind ruft Freude, Stolz, Liebes- und Bindungswunsch hervor. Die Mutter sollte sich in ihrem Umfeld geborgen fühlen; so wird sie in Ruhezeiten mit ihrem Kind in Kontakt sein und sich öffnen können.

Dazu gehört auch eine gute Beziehungsfähigkeit des Vaters.

Die Zeit der Schwangerschaft prägt das Lebens- und Verbundenheitsgefühl des Ungeborenen. Für beide Elternteile, für die Mutter und den Vater, ist dies eine hochsensible Zeit. Wie kann diese möglichst stressfrei und ausgeglichen bewältigt werden?

Indem während der Schwanger- und Elternschaft Unterstützung angeboten wird – zum Beispiel durch das Ermöglichen einer Elternzeit. Für die Eltern heisst das auch konkret sich immer wieder bewusste Auszeiten und Inseln zu schaffen, wo sie ungestört, in Ruhe miteinander als Paar und mit dem Baby in Kontakt kommen können.

Das Ungeborene kann durch die sich entwickelnden Sinne im Laufe der Schwangerschaft aktiv eine Bindung eingehen, auf die Stimmungen der Umgebung reagieren und Lernprozesse durchlaufen. Wie muss ich mir das genau vorstellen?

Die Eltern geben ihre eigenen Erfahrungen an ihr Kind weiter. Das Baby erlebt seine Bezugspersonen entweder als sicher, bejahend und kann so in einer freudigen Dynamik lernen. Es ist robust gegen gelegentlich auftretende Hektik oder negative Gefühle.

Wiederholte Angst, Anspannung und Stress beschneiden andererseits seine körperliche und seelische Entwicklung und beeinträchtigen seine Fähigkeiten zum Denken, Fühlen und Handeln. Später entwickeln sich durch fehlende Sicherheit Lern- und Aufmerksamkeitsstörungen.

Was ist, wenn es während der Schwangerschaft zu Problemen kommt?

Anhaltende Probleme während der Schwangerschaft sind ernst zu nehmen und anzugehen. Leider werden die Eltern damit oft allein gelassen. So entstehen vielfach Negativspiralen sowie Paarkonflikte.

Durch eine einigermassen entspannte Schwangerschaft lassen sich mögliche Schwierigkeiten nach der Geburt wie zum Beispiel Stillprobleme, Schreien und Schlafstörungen vermindern oder einfacher handhaben.

Wo kann ich mir weitere Hilfe und Unterstützung holen?

Primär wichtig ist ein gutes Umfeld für das Elternpaar. Dazu gehören feinfühlige Familienangehörige, Freunde und Bekannte, die entlastend wirken. Komplikationen während der Schwangerschaft oder Trennungen von Mutter und Kind nach der Geburt können mittels bindungsorientierter Begleitung der Eltern besprochen, respektive durch professionelle Hilfe mit Begleitung von Mutter und Vater verarbeitet werden.

Es bestehen heute spezielle Eltern-Kind-Angebote, die Unterstützung und Rat anbieten. Eltern, die so entlastet und begleitet werden, entwickeln ein feinfühligeres Verhalten, welches sich langfristig positiv auf die Eltern-Kind-Bindung auswirkt.

Dr. med. Cyril Lüdin führt als Kinderarzt und Fachberater für Emotionelle Erste Hilfe eine eigene Praxis und Schreiambulanz in Muttenz.