Der medizinische und technische Fortschritt bei der Behandlung von Krankheiten, eine bessere Ernährung und vorbeugende Impfungen gegen Infektionskrankheiten haben dies ermöglicht. Trotzdem steht die moderne Kinder- und Jugendmedizin vor grossen Herausforderungen, weil sich das Gesundheitswesen im Umbruch befindet und in naher Zukunft eher eine Beschleunigung dieses Veränderungsprozesses abzusehen ist. Überblickt man die Entwicklungen der letzten Jahre, so werden dabei drei grosse Herausforderungen für die Kinder- und Jugendmedizin sichtbar.

Ärtztemangel

Der erste Bereich betrifft den Ärztemangel. Es werden in Zukunft bei weitem nicht genügend Fachärzte zur Verfügung stehen, um die medizinische Versorgung von Kindern durch Kinderärztinnen und Kinderärzte zu sichern. In den nächsten zehn Jahren werden in der ganzen Schweiz viele Pädiater aus Altersgründen ihre Praxen weitergeben wollen oder müssen sie schliessen. Zudem haben die veränderten gesellschaftlichen Ansprüche an die Verfügbarkeit der Ärztinnen und Ärzte in der Familie und die hohen beruflichen Belastungen die Bereitschaft massiv reduziert, jederzeit für die Patienten in Notfällen zur Verfügung zu stehen. Auch wünschen immer mehr junge Kinderärztinnen und Kinderärzte, in Teilzeit zu arbeiten. Der Kinderärztemangel ist schon in den letzten Jahren für Eltern spürbar geworden. So ist es zunehmend schwierig, für ein neugeborenes Kind einen Kinderarzt zu finden, sei es in der Stadt oder auf dem Land. Ein weiterer Hinweis für den Ärztemangel in der Grundversorgung sind die in den letzten Jahren stark gestiegenen Konsultationen in den Notfallstationen von Spitälern. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Kinder deutlich seltener Notfallstationen von Kinderkliniken konsultieren, wenn sie von einem Kinderarzt in der Praxis betreut werden. Bund und Kantone tun gut daran, dem zukünftigen Ärztemangel mit neuen Ausbildungs- und Versorgungsmodellen entgegenzutreten.

Anderes Berufsbild

Zweitens hat sich das Berufsbild der Kinderärztin in den letzten 30 Jahren fundamental verändert. Während früher Kompetenzen in der medizinischen Versorgung von akuten Gesundheitsproblemen wie Infektionen und Unfällen von Kindern im Vordergrund standen, so spielen heute chronische Krankheiten, Entwicklungs- und Verhaltensstörungen sowie die Gesundheitsförderung und Elternberatung im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen eine ebenso wichtige Rolle. Heute sucht fast jede 2. Familie den Kinderarzt nicht für die Behandlung einer Krankheit, sondern für eine Beratung in Gesundheits-, Entwicklungs- oder Erziehungsfragen auf. Tatsächlich sind Eltern in der heutigen Zeit sehr belastet und entsprechend verunsichert, weil der gesellschaftliche Anspruch lautet, dass sie für die Gesundheit, Erziehung und eine perfekt gelingende Entwicklung ihrer Kinder verantwortlich sind. Die Förderung von elterlicher Kompetenz in Gesundheits-, Entwicklungs- oder Erziehungsfragen ist darum eine zentrale Präventionsaufgabe der Kinder- und Jugendmedizin geworden. Aber nicht nur die Eltern sind unter Druck, sondern auch die Kinder sehen sich mit hohen Leistungsanforderungen der Gesellschaft konfrontiert. Die Kinderärztin ist dabei verpflichtet, als Anwältin für die Kinder aufzutreten. Die Fachgesellschaften sind dazu aufgefordert, diesen Entwicklungen in der Pädiatrie in ihren Programmen zur ärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung Rechnung zu tragen und die politischen Leistungsträger dazu, die notwendigen Mittel dafür zur Verfügung zu stellen.  

Chronische Krankheiten im Vormarsch

Die dritte grosse Herausforderung betrifft die deutliche Zunahme von chronischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Dank moderner medizinischer Diagnostik und Therapie überleben heute viele schwerkranke Kinder mit einer guten Lebensqualität. Allerdings benötigen diese chronischen Patienten eine umfassende Betreuung, im Spital, ambulanten Einrichtungen und zu Hause. Die Gesundheitsversorgung von chronisch kranken Kindern kann nicht nur durch eine Person geleistet werden, so engagiert und kompetent sie auch sein mag, sondern es braucht dazu ein Netzwerk von Fachleuten aus Medizin, Psychologie und Pädagogik sowie eine kindgerechte Infrastruktur. Das macht die Kindermedizin aufwändig und teuer. Unsere Gesellschaft sieht sich wegen der Zunahme der über 65-Jährigen in den nächsten 20 Jahren ohnehin mit einem ausserordentlichen Kostenwachstum im Gesundheitswesen konfrontiert. Ich rufe die Politik dazu auf, nicht nur in die alten Menschen zu investieren, sondern auch in unsere Kinder. Denn Kinder sind unsere Zukunft und nur wenn Kinder gesund sind und sich bestmöglich entwickeln können, werden sie selbst, aber auch die Gesellschaft eine positive Zukunft vor sich haben.