Herr Dr. Spira, wenn es bei einem Paar beim Nachwuchs nicht klappt: Liegt das eigentlich eher am Mann oder an der Frau?

Dr. J-C. Spira. Bei Kinderwunsch werden innerhalb eines Jahres 60% der Paare schwanger, nach 2 Jahren sind dies bereits 85%. Eines von 7 Paaren leidet schlussendlich in der Schweiz unter ungewollter Kinderlosigkeit.
 

Ein Kind zu wünschen ist ein gemeinsames Projekt. Ob das Hauptproblem hauptsächlich bei einem Partner gefunden wird oder aber, wie häufig,  bei beiden Partnern, ist unerheblich.
 

Neben dem medizinischen Gründen (Qualität/Quantität der Samen /Eizellen) ist vor allem auch das Rauchen oder ein starkes Über- oder Untergewicht ein Handicap für das Eintreten einer Schwangerschaft. Oft leiden beide Partner unter der ungewollten Kinderlosigkeit, die Frauen sprechen das Thema allerdings häufiger an.

Wie kann Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch geholfen werden?

Ob eine Paarbeziehung ohne Kinder gelebt wird oder ob eine der vielen therapeutischen Möglichkeiten genutzt werden soll, muss mit dem Paar besprochen werden. Ca. 50 % der Paare kann mit Ratschlägen und wenig aufwendigen fruchtbarkeitsfördernden Therapien geholfen werden.

Die übrigen 50% der Paare benötigen, falls dies vom Paar gewünscht wird, aufwändigere Therapien (IVF, Insemination)

Kann ein Paar, das aufwändige Therapien beansprucht, einfach zu Ihnen kommen? Oder müssen Voraussetzungen bei einer künstlichen Befruchtung  erfüllt sein?

Im Gegensatz zu anderen Ländern wie etwa in Deutschland muss ein Paar in der Schweiz nicht verheiratet sein. Bedingung ist aber eine stabile Beziehung, also etwa ein gemeinsamer Wohnort und eine längere Partnerschaft.

Solche Punkte werden in einem Gespräch mit dem Arzt geklärt. Zudem sollte eine grosse Wahrscheinlichkeit bestehen, dass das Kind auch im Alter von 18 Jahren noch Eltern hat, die - um es etwas überspitzt auszudrücken - nicht schon seine Grosseltern sein könnten. Wichtig finde ich auch, dass minimal eine zehnprozentige Chance auf ein Baby durch die Therapie besteht.

Sonst rate ich davon ab.

Eine unerfüllte Schwangerschaft war früher Schicksal. Wie sehen die Chancen heute aus?

Heute ist es möglich, drei von vier Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch zur ersehnten Schwangerschaft zu verhelfen. Die aufwändigste Therapie ist die Befruchtung ausserhalb des Körpers  (IVF oder ICSI) , wo Eizellen mit dem Samen des Mannes ausserhalb des Körpers zusammengebracht werden, befruchtet und dann die Embryonen 5 Tage später in die Gebärmutter eingespült werden.

Diese Methode bietet sich vor allem an, wenn die Eileiter verschlossen sind oder wenn die Samenqualität stark beeinträchtigt ist.

Wann sollte ein Paar bei unerfülltem Kinderwunsch einen Reproduktionsmediziner aufzusuchen?

Hier möchte ich ein bisschen ausholen: Vor etwa 25 Jahren heiratete eine Frau mit ungefähr 24 Jahren und wurde mit 25 Jahren schwanger. Heute heiratet eine Frau in der Schweiz im Durchschnitt im Alter von 32 Jahren und wird mit 33 schwanger. Wenn sich der Nachwuchs nicht einstellt, suchen solche Paare dann eine Kinderwunschpraxis auf, wenn die Frau ca. 36 Jahre alt ist.

Die Erfolgsaussicht  für das Eintreten einer Schwangerschaft vermindert sich ab dem 35. Altersjahr der Frau rasch. Ich finde es wichtig, dass eine junge Familie/Frau nicht nur eine Karriereplanung, sondern auch ein Zeitfenster fürs Schwanger werden, wenn möglich vor dem 35 Geburtstag, vorsieht.

Es geht nicht nur um Empfängnisverhütung , sondern unbedingt auch um Familienplanung, falls Nachwuchs vorgesehen ist, insbesondere wenn mehrere Kinder gewünscht werden. Ohne Partner sehen wir immer mehr Frauen, die das „social freezing“ wünschen (Einfrieren der Eizellen bis maximal dem 38 Geburtstag),  was Ihnen mehr Zeit gibt, den Wunschpartner zu finden..

Zu Ihrer konkreten Frage: Bis zum 35.Geburtstag  der Frau macht es Sinn, wenn sich ein Paar spätestens nach 2 Jahren an ein Kinderwunschzentrum richtet. Nach dem 35 Geburtstag bereits nach einem Jahr, da die Zeituhr tickt. Dann wäre es jeweils sinnvoll, weitere Abklärungen vorzunehmen.

In den Medien ist des Öfteren die Rede von Filmstars, die auch mit 40 oder noch älter glückliche Mütter wurden...

Ja, das ist effektiv verwirrend und zeigt den Paaren ein völlig falsches Bild. Frauen werden nach dem 40. Geburtstag nur noch selten schwanger, obwohl die Regelblutungen meist noch für 10 Jahre regelmässig eintreten. Die Filmstars wurden meist schwanger durch Eizellspende (Eizellen einer jungen Frau werden im Reagenzglas mit den Samen des Partners zusammengeführt und die entstehenden Embryos in die Gebärmutter der Filmstars eingespült). Das ist in der Schweiz nicht erlaubt.

Ich bin ein wenig erstaunt, dass sie Samenspende in der Schweiz erlaubt ist, die Eizellspende jedoch nicht. Wo bleibt die Emanzipation? Eine Patientin, die zum Beispiel wegen einer gutartigen oder ernsthaften Krankheit keine funktionierenden Eierstöcke mehr hat, bleibt deshalb nur noch der Weg ins Ausland, wo Eizellen gespendet werden dürfen.

Das ist aber der einzige nennenswerte rechtliche Nachteil in der Schweiz. Das neue Schweizer Reproduktionsgesetz vom September 2017 gehört meiner Meinung nach zu den fortschrittlichsten in Europa.

Was sind denn besondere Vorteile?

Das neue Gesetz erlaubt zum Beispiel, dass bis zu zwölf Eizellen zu Embryonen entwickelt und in speziellen Situationen vor dem Einpflanzen in den Mutterleib auf Chromosomen-Krankheiten untersucht werden können.

Dadurch kann das Embryo ausgesucht werden, das die beste Chance hat, 9 Monate später geboren zu werden. Dies ist in Deutschland beispielsweise nicht erlaubt. Seit der Einführung des neuen Gesetzes im September 2017 haben sich bei uns und in den andern Kinderwunschzentren in der Schweiz die Chance einer Schwangerschaft verdoppelt.

Es ist gut, dass die zukünftigen Eltern keinesfalls spezielle Wünsche anmelden können, etwa bezüglich des Geschlechts des Kindes.

Letzte Frage: Teilweise kann man lesen, dass die Chancen einer Schwangerschaft steigen, wenn mehrere Tage auf Geschlechtsverkehr verzichtet wird. Die Spermienqualität werde dadurch besser. Stimmt das eigentlich?

Nein. Solche Behauptungen kursieren teilweise im Netz. Empfohlen wird mindestens 2 Mal pro Woche Geschlechtsverkehr, keine bewusste Abstinenz. Wichtig ist aber, dass das Herz dabei sein soll, sonst wird etwas wunderschönes, spontanes nur noch funktionell -nach Terminplan- ausgeführt, was mittelfristig eine Beziehung zusätzlich belasten kann.