Die geistige Entwicklung des Kindes ist ein vielschichtiger Prozess. Nach und nach macht es Fortschritte beim Sehen und Fühlen, beim Tastsinn, in der Bewegungsentwicklung, auch im sprachlichen Ausdruck. Die Fortschritte in den ersten Lebensjahren sind gross.


Doch bis ein Kind richtig «erwachsen denkt», vergeht noch eine lange Zeit.
 

Phase eins: null bis zwei Jahre

Ein Säugling verfügt erst über ein paar angeborene Reflexe. Er lernt vor allem durch Beobachten und Handeln, zunächst durch aktive Wiederholung, dann durch Experimentieren. Von Geburt an ist das Buschi neugierig.

Es ergreift irgendeinen Gegenstand oder es schaut ihn an. Die Betonung in diesem frühkindlichen Stadium liegt auf «oder». Beides gleichzeitig funktioniert erst, wenn das Kleine gelernt hat, Augen und Hand zu koordinieren.

So mit dem zweiten Lebensjahr fängt das Kind an, sich mit räumlichen Verhältnissen auseinanderzusetzen. Ein Spielbecher mit Würfel löst eine grosse Faszination aus, auch Förmchen aller Art im Sandkasten oder Dosen und Schubladen.

Wenn der eine Gegenstand in einen anderen hineinpasst, ist das ausgesprochen spannend. Ein durchschnittlich entwickeltes zweijähriges Kind kann bereits einen Deckel aufschrauben und drei verschieden grosse Becher ineinanderstecken.

Hoch im Kurs steht auch das Bauen von Türmen, aus allem und jedem. Das Kind merkt sich mit der Zeit, wie es einen Turm aufbauen muss, damit er nicht immer wieder zusammenbricht, sondern stehen bleibt.

Phase zwei: zwei bis vier Jahre

Das Kind beginnt sich in Vorstellungen und Gegenstände hineinzudenken. Der Gegenstand selber muss gar nicht da sein. Es gibt zum Beispiel seiner Puppe zu trinken oder füttert den Teddybären.

Und Dinge können mit viel Fantasie zu Objekten werden, ein Schuh wird zum Auto. Überhaupt wird das Denken geradezu magisch. In der Vorstellung des Kindes ist nahezu alles möglich. Samichlaus und Osterhasen haben einen festen Platz.

In dieser Lebensphase kommt hinzu, dass das Kind sehr ichbezogen ist. Die einzige Welt ist seine Welt. Es kann sich nicht vorstellen, dass andere Menschen die Welt anders sehen, sich noch nicht in andere hineinversetzen. Auch mit räumlichen Grössenverhältnissen tut es sich noch schwer, ebenso kann es Zeitspannen, in denen etwas passiert, nicht einordnen.

Immer besser werden die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Farben und Formen wie Kreis oder Dreieck können sowohl erkannt wie auch benannt werden. Geradezu unstillbar ist der Wissensdurst. Das Wort «warum» wird zur Standardfrage und kann Eltern manchmal schier zur Verzweiflung bringen ...

Phase drei: vier bis acht Jahre

So im Alter von vier Jahren kommt die beste Zeit, um eine Sprache zu erlernen. Kinder entwickeln in diesem Alter ein enormes Gedächtnis. Bei Puzzles oder Memory-Spielen gehen die Eltern oft als zweite Sieger hervor. Lieder und Verse werden problemlos auswendig gelernt, und oft kann das Kind schon ganz gut mit Zahlen umgehen. Das realistische Denken beginnt das magische langsam zu verdrängen.

Ab etwa fünf Jahren sind Kinder in aller Regel bereit für die Schule und in der Lage, die Lösung einer Aufgabe mehr und mehr durchdenken zu können, ohne sie konkret ausprobieren zu müssen.

Schon bei Kindern gilt grundsätzlich die Devise: Übung macht den Meister. Am besten lernen sie immer noch durch eigenes Tun und auch bereits durch Erfahrung.

Das Kind ordnet die vielen Eindrücke und Ereignisse, indem es nach Zusammenhängen und Kausalbeziehungen sucht und ein Regelbewusstsein entwickelt («Wenn heute Montag ist, ist überall Montag.»). Ein sechsjähriges Kind erkennt die Zahlenbilder von eins bis zehn und kann sich bereits gut verständlich in der Muttersprache äussern.

Phase vier: acht bis zwölf Jahre

Im Alter von etwa acht Jahren kann ein Kind vorausdenken und sein Handeln reflektierend steuern.

Auch logisches Denken und Schlussfolgern ist möglich. Später, so ab elf bis zwölf Jahren, kann ein Jugendlicher auch mit abstrakten Inhalten und Hypothesen umgehen, Probleme theoretisch analysieren und selbst wissenschaftliche Fragestellungen systematisch durchgehen. Damit ist die höchste Stufe des logischen Denkens erreicht.