war in den 1970er-Jahren einer der bekanntesten Schweizer Skirennfahrer. Er gehörte damals zu den weltweit besten Spitzensportlern in der Abfahrt und gewann mehrere Medaillen. Russi wurde 1948 in Andermatt geboren und ist auch heute noch für den alpinen Skirennsport tätig.
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Bernhard Russi, wo stehen Sie heute im Leben?
Ich befinde mich jetzt in einer Phase, in der ich mir bewusst bin, dass es das Leben gut mit mir meint. Trotz Rückschlägen und teilweise auch traurigen und harten Erfahrungen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Ich weiss aber, dass ich immer wieder auf der Sonnenseite stehe. Dafür bin ich unendlich dankbar. Es ist aber auch eine Phase, in welcher die Lebensqualität immer wichtiger wird. Diese Erkenntnis habe ich nicht erst seit gestern.

Was bedeutet es denn für Sie, älter zu werden?
Älter zu werden ist für mich ein Dauerzustand. Verbunden mit Zahlen, etwa dem Geburtstag, den ich Jahr für Jahr feiern darf, ist natürlich auch die biologische Entwicklung ein ständiger Begleiter. Grundsätzlich lebe ich aber heute und jetzt. Egal, wie alt ich gerade bin. Ich habe noch viele Ziele, die ich im Leben erreichen möchte. Das spornt und treibt mich an. So betrachtet mache ich mir nicht jeden Tag Gedanken darüber, dass ich nicht jünger werde. Ganz abgesehen davon, dass man das Rad ohnehin nicht zurückdrehen kann.

Es seien immer dieselben Gefühle, die Sie in allen Bereichen des Lebens vorantreiben, haben Sie mehrfach betont: Spielerischer Ehrgeiz und die Suche nach Befriedigung und Bestätigung. Ist das auch heute noch so?
Das hat sich bei mir nie geändert, in all den Jahren nicht. Und ich hoffe, dass sich das auch nie ändern wird. Ehrgeiz, Befriedigung und Bestätigung sind sehr relativ und können sich je nach Ausgangslage verschieben. Aber diese Attribute gehören zu meinem Lebenselixier. Darauf möchte ich nicht verzichten.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen im Alter?
Ich möchte möglichst lange gesund bleiben. Ich bin jetzt 65, auch wenn ich mich noch nicht so alt fühle. Aber so steht es in meinem Pass. Ab und zu schmerzt zwar der Rücken. Damit habe ich aber leben gelernt. Der Gesundheit zuliebe achte ich auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung, habe eine gute Lebenseinstellung und mache immer noch viel Sport, vor allem Klettern. Früher während meiner Aktivzeit habe ich sehr viel Tennis gespielt. Das war immer eines der besten Trainings für mich. Heute spiele ich Golf, mit Handicap elf. Mein Lieblingssport aber ist und bleibt das Skifahren. Auch deshalb, weil ich in diesem Sport die meisten Freunde habe. Und natürlich zahlreiche Erinnerungen, auf die ich stolz sein kann und die ich nicht missen möchte.

Was hält Sie trotz Ihrer 65 Jahre jung?
Ich werde nie aufhören, Grenzen auszuloten. Manchmal reizt es mich, diese auch mal zu überschreiten, ohne zu übertreiben. Das gehört einfach zu meinem Charakter. Dabei spielt das Alter keine Rolle, denn die Grenzen verschieben sich dauernd und automatisch. Das ist aber gerade das Spannende daran.

Sie sehen blendend aus und sind nach wie vor voller Tatendrang. Gibt es in Ihrem Leben auch gesundheitliche Probleme?
Ich müsste lügen, wenn ich Nein sagen würde. Klar habe auch ich meine Probleme. Da geht es mir aber nicht anders als den meisten Leuten. Die meisten Beschwerden stammen vorwiegend aus meiner Aktivzeit als Skirennfahrer. Die Knie schmerzen halt auf Klettertouren, wenn es bergabwärts geht, und ab und zu zwickt es im Rücken. Aber das kenne ich seit über 40 Jahren und habe gelernt, damit zu leben.

Wie sieht denn ein typischer Arbeitstag von Bernhard Russi aus?
Den typischen Arbeitstag in dem Sinne gibt es eigentlich fast nicht. Jeder Tag spielt sich auf einer anderen Bühne ab. Ich bin froh darüber und geniesse das. Einen immer wiederkehrenden Ablauf nach Schema X kann ich mir mit dem besten Willen nicht vorstellen. Sport gehört aber fast jeden zweiten Tag dazu. Und im Moment kann ich keinem Piano widerstehen, das mir in den Weg kommt. Da muss ich mich einfach hinsetzen und in die Tasten greifen. Über den künstlerischen Anspruch brauchen wir hier nicht zu reden.

Wie leben Sie heute privat, und welches sind Ihre nächsten Ziele?
Ich bin ständig in Bewegung, am liebsten in der Natur und auf der Suche nach Grenzerfahrungen. Oft alleine, aber lieber noch in Familienbegleitung. Nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi packe ich mein nächstes grosses Projekt an. Für die Winterspiele 2018 in Südkorea plane und gestalte ich die Olympia-Skipiste. Eine spannende und echte Herausforderung, auf die ich mich schon jetzt freue. Sie sehen, langweilig wird mir auch mit 65 nicht, und vom Rentnerdasein bin ich noch weit entfernt.


Tipps von Russi

Schlaf
Geschlafen wird immer und überall, wenn ich den Schlaf brauche. Um gute Leistungen zu erbringen, ist mein Körper darauf angewiesen, dass er zu genügend Schlaf kommt.

Bewegung
Bewegung ist für mich so wichtig und selbstverständlich wie das tägliche Zähneputzen. Wenn ich mich nicht genügend bewegen kann, werde ich unausstehlich und bekomme den Koller.

Sport
Die sportliche Betätigung ist mein Leben. Aktiv und passiv. Ein Leben ohne Sport kann ich mir nicht vorstellen, und ich hoffe, dass das noch möglichst lange so bleiben wird.

Regenerationsphasen
 Solche Phasen gehören dazu und sind nicht nur im Sport wichtig. Wenn sich Geist, Seele und Körper nicht regelmässig regenerieren können, führt das zu einem Ungleichgewicht. Man fühlt sich nicht wohl, ist abgespannt und nicht leistungsfähig.

Einfach einmal ausspannen und die Seele baumeln lassen
Das spielt für mich zunehmend eine grössere Rolle. Am liebsten mache ich dies in der Natur. Ich war schon immer ein Naturmensch. Dort tanke ich auf und hole mir neue Kraft.

Gehirntraining
Das wäre zum Beispiel Kreuzworträtsel lösen. Aber ehrlich: Wann habe ich schon Zeit dazu?

Heiter und gelassen
Finde ich je nach Situation wichtig. Allerdings muss dies spontan möglich sein. Auf keinen Fall organisiert, sonst wird es anstrengend.

Work-Life-Balance
Leistung bringt mir immer noch die grösste Befriedigung. Um grosse Leistungen erbringen zu können, braucht es aber auch eine ausgewogene Lebenssituation. Insofern achte ich schon darauf, dass bei mir die Work-Life-Balance stimmt.