Während die Schwellenländer nicht nur wirtschaftlich, sondern auch demografisch boomen, leidet Europa an einer Überalterung der Gesellschaft. Dank einer hartnäckig tiefen Geburtenrate verbunden mit einer hohenentwickelten medizinischen Versorgung, einer gesunden Lebensweise, Bewegung und Sport, prägen Senioren statt spielende Kinder unser Strassenbild.

Humankapital oder Verpflichtung?
Im Jahr 2020 wird mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung über fünfzig Jahre alt sein. Mit dem Rückgang der Erwerbsbevölkerung entsteht ein massiver zusätzlicher Finanzierungsbedarf bei der Altersvorsorge. Gemäss Schätzungen des Thinktanks Avenir Suisse wird die Umverteilung von Jung zu Alt im Jahr 2030 allein in der Schweiz zehn Milliarden Franken betragen. Während sich Kinder in unserer Gesellschaft zum Luxusgut entwickeln, werden die Alten pauschal als Last ­empfunden.

Was ist alt?
Doch was ist alt? 50, 60, 70, 80, 90 oder gar 100 Jahre? Beginnt «Altsein» mit der Kategorie «50+», mit der ersten Rentenzahlung oder wenn der Opa nicht mehr alleine auf die Toilette kann. Diese undifferenzierte Betrachtung versperrt uns den Blick vor den grossen Chancen dieser demografischen Entwicklung. Schon im römischen Reich hatte der Ältestenrat, der «Senat», das Sagen. Und auch bei uns ist heute die Erfahrung der Senioren nicht mehr wegzudenken. Selbst Marketingexperten kommen an der Zielgruppe der Alten nicht vorbei.

Silver Surfer oder altes Eisen?
Die Konsequenz sind so peinliche Kampagnen wie «Greis ist geil». Der weitverbreitete mangelnde Respekt vor dem Alter macht sich zum Beispiel bemerkbar, wenn Banken einen jungen Spund die Betreuung eines sechzigjährigen Private-Banking-Kunden überlässt, mit dem dieser weder punkto Berufs- und schon gar nicht punkto Lebenserfahrung mit seinem Gegenüber mithalten kann. Mangelnder Respekt kommt auch dann zum Ausdruck, wenn man Alte in der einer mitleiderweckenden Werbung als «Behinderte» darstellt oder Alter als Krankheit, Last oder Makel stigmatisiert.
Doch die «Silver Surfer» und «Golden Agers» kontern selbstbewusst. Statt sich ob der unwirtlichen Stimmung in der Gesellschaft verschämt zurückzuziehen, sind die Senioren aktiv, wählerisch und offen für Neues. Sie gehörten zu den ersten iPhone-Kunden und bewegen sich wie selbstverständlich in der Welt von Internet und Social Media. Während sich die Konzerne um die Marktanteile bei den hippen Generationen X und Y balgen, entgeht ihnen eine wichtige Tatsache. Diese Zielgruppe hat eine grosse Kaufkraft. Nicht nur bei personellen Engpässen greifen immer mehr Konzerne auf deren Erfahrung und Professionalität zurück. Zudem sind sie diszipliniert, zuverlässig und müssen es niemandem mehr beweisen, treiben keine Spielchen oder Mobbing.

In der Krise wichtiger denn je
Ältere Menschen haben schon schwierige Zeiten erlebt, viele wirtschaftliche Krisen durchgestanden, manche können gar von Kriegen erzählen. Mit ihrer Besonnenheit und Gelassenheit sind sie ein wichtiger Ratgeber in herausfordernden Zeiten wie heute. Mit ihrer Rente und Erspartem helfen sie bei wirtschaftlichen Engpässe innerhalb der Familien aus, gerade in Ländern, in denen eine rekordhohe Jugendarbeitslosigkeit grassiert. Und sie springen ein, wenn ihre Qualitäten gefragt sind und trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage qualifizierte Arbeitskräfte gesucht werden. Immer mehr Senioren entscheiden sich für den Weg zurück ins Arbeitsleben und begnügen sich mit vergleichsweise bescheidenen Löhnen. Ältere Menschen investieren Ihr Erspartes und halten so die Wirtschaft am Laufen.

Fazit
Ältere Menschen verdienen unseren Respekt für ihre Lebensleistung und ihren Beitrag zur Gesellschaft. Wir sollten ihnen den Respekt zollen, den wir geniessen wollen, wenn wir selbst mal zum vermeintlich alten Eisen ­gehören.