Für die Betroffenen ist es wichtig, zu wissen, dass der Tinnitus kein Anzeichen einer bedrohlichen Krankheit ist. Ein akuter Tinnitus kann sich von selbst wieder zurückbilden. Ist dies nicht der Fall, muss eine adäquate Behandlung erfolgen. Damit wird die Heilungschance deutlich erhöht. Im Idealfall besteht die Behandlung aus einem interdisziplinären Behandlungskonzept mit den Elementen Hör- und Musiktherapie, Psychotherapie, Bewegungs- und Ergotherapie, ergänzt durch eine medikamentöse Behandlung. In spezialisierten Kliniken dauert sie rund vier Wochen. Die subjektive Beeinträchtigung durch den Tinnitus kann dabei stark reduziert werden.

Mit dem Tinnitus leben
Eine dauerhafte Heilung eines chronischen Tinnitus ist bisher nicht möglich, weder durch Medikamente, noch durch eine Operation oder alternative Heilverfahren. Vielfach bleibt den Patienten und Patientinnen nur der Ausweg, mit dem Tinnitus leben zu lernen. Lauter wird der Tinnitus in der Regel nicht. Er liegt oft zwischen fünf bis fünfzehn Dezibel über der Hörschwelle der betroffenen Patienten. Bestimmte Auslöser können das Ohrgeräusch in der subjektiven Wahrnehmung lauter erscheinen lassen. Dazu gehören etwa negativer Stress, Müdigkeit, Lärm, Rücken- oder Kiefergelenksbeschwerden. Reagiert jemand schon auf relativ leise Geräusche überempfindlich, spricht man von Hyperakusis. Sie entsteht wie der Tinnitus durch Störungen bei der zentralen Verarbeitung von Schallsignalen. Die als zu laut empfundenen Geräusche rufen vegetative Symptome hervor. Dazu gehören etwa Herzjagen, Panikattacken oder Angst.

Wann zum Arzt?
«Beim Tinnitus handelt es sich um eine akustische Wahrnehmung ohne äussere Schallquelle», erläutert Rahul Gupta. Man unterscheidet zwischen dem objektiven Tinnitus, bei dem sich die Schallquelle, etwa das Strömungsgeräusch einer Gefässanomalie, innerhalb des Körpers befindet, und dem subjektivem Tinnitus, bei dem nur der Betroffene selber die Ohrgeräusche wahrnehmen kann. Was ist zu tun bei akutem Tinnitus? «Bewahren Sie vorerst einmal Ruhe. Ist der Tinnitus auch am nächsten Tag noch vorhanden, sollten Sie sich so schnell wie möglich bei Ihrem Hausarzt oder einem Spezialisten, einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt, melden», rät Rahul Gupta. Sinnvoll ist es, den Heilungsprozess durch Ruhe und Entspannung zu unterstützen.

Individuelle Bewältigung
Bildet sich der akute Tinnitus nicht zurück, spricht man von chronischem Tinnitus. Die Erfahrung zeigt, dass rund 90 Prozent der Tinnitus-Betroffenen mit ihren Beschwerden verhältnismässig gut leben können. Erst wenn die Ohrgeräusche die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, ist eine Behandlung im Sinne einer individuellen Tinnitus-Bewältigung notwendig. Ziel ist dabei, dass die betroffenen Patientinnen und Patienten mit ihrem Tinnitus leben können und ihr Familien- und Berufsleben möglichst wenig beeinträchtigt ist. «Durch Aufklärung und Selbsthilfe verliert der Tinnitus meist an Wirkung», weiss Rahul Gupta aus Erfahrung. Selbsthilfegruppen der Schweizerischen Tinnitus-Liga (STL) und Behandlungsteams aus Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten sowie Psychotherapeuten, Hörtherapeuten und Hörgeräteakustiker können die betroffenen Patientinnen und Patienten in aller Regel wirkungsvoll unterstützen.

Kein Tinnitus ist gleich
Die Ursachen der subjektiven Ohrgeräusche sind heute noch weitgehend unbekannt. Tinnitus kann durch ständige oder plötzliche Lärmeinwirkung, durch einen Hörsturz, Viruserkrankungen oder einen Morbus Ménière, eine Erkrankung des Innenohres, ausgelöst werden. Häufig können auch Stress sowie Probleme mit der Halswirbelsäule oder im Zahn-Kiefer-Bereich auslösende oder verstärkende Ursachen sein. Der Gang von Arzt zu Arzt ist nicht zu empfehlen. Kein Tinnitus ist gleich wie der andere. «Deshalb gibt es keine schematische Behandlung und keine generell wirksamen Medikamente», sagt Rahul Gupta. Mit andern Worten: Keine Behandlungsmethode kann für sich in Anspruch nehmen, für alle Tinnitus-Erkrankten wirksam zu sein.