Der erste Schultag nach fünf Wochen Sommerferien. Wie fühlen Sie sich, Frau Niggli?

Lacht … Unsere Zwillinge Anja und Lars wurden frisch eingeschult, unsere grosse Tochter Malin ist in die vierte Klasse gekommen. Das Gefühl von neu gewonnener Freiheit hatte ich beim Kindergarteneintritt der Zwillinge fast noch mehr. Die Ferien waren wunderschön, aber ich bin auch ganz froh darüber, dass nun wieder Alltag ist … 

Was hat sich durchs Muttersein am meisten für Sie verändert?

Am meisten verändert hat sich die Prioritätensetzung. Die Kinder sind unsere wichtigste Aufgabe, die wir als Eltern momentan haben. Sie stehen an erster Stelle und die eigenen Bedürfnisse werden daneben organisiert.


Als Mutter wird man zu einem wahren Organisationstalent.
 

Gleichzeitig ist viel Flexibilität gefragt, denn häufig läuft nicht alles so, wie man es eigentlich geplant hat.  

Sie haben erst 2013 mit dem Spitzensport aufgehört, Ihre Kinder waren damals fünf und zwei Jahre alt. Die Herausforderung zwischen Training und Windelnwechseln muss enorm gewesen sein …

Ohne die Hilfe von meinem Mann, meinen Eltern und Schwiegereltern wäre es nicht gegangen. Es war alles sehr durchorganisiert, gleichzeitig musste ich schon damals viel flexibler werden mit den Trainings und konnte nicht stur meinen Trainingsplan durchziehen.

Wenn die Kinder Mittagsschlaf gemacht haben, nutzte ich die Zeit für ein Training. Mit kleinen Kindern hat man eine grössere Flexibilität. Jetzt im Schulalter brauchen sie mich ganz anders und ich bin mehr eingespannt. Aktuell könnte ich es mir nicht vorstellen, Spitzensport zu betreiben.

Der Sport spielt aber nach wie vor eine grosse Rolle in Ihrem Leben. Ziehen Ihre Kinder auch mit?

Oh ja, und wie. Bewegung spielt in unserem Leben eine zentrale Rolle. Wir sind sehr aktiv und es muss immer etwas laufen. Am liebsten draussen beim Wandern, Velofahren, im Sommer in der Badi, im Winter beim Skifahren. Und natürlich im Wald beim OL-Laufen …

Es freut mich natürlich, dass die Kinder auch Spass am Orientierungslauf haben. Schliesslich komme ich ebenfalls aus einer OL-Familie. Meinen ersten OL alleine habe ich mit zehn gemacht, so wie Malin jetzt. 

Vielleicht tritt Malin eines Tages in Ihre Fussstapfen?

Wir werden sehen. Das soll sie ganz für sich entscheiden. Für mich ist es der schönste Sport der Welt und ich bin sehr dankbar für meine Karriere.

Ohne OL wäre ich heute ein anderer Mensch. Der Spitzensport hat mir vieles abverlangt, gleichzeitig habe ich durch ihn extrem viel gelernt. 

Könnten Sie sich denn ein Comeback vorstellen?

Nein, dieses Kapitel ist definitiv abgeschlossen. Ich weiss, wie viel Aufwand hinter dem Spitzensport steht, und ein halber Einsatz käme für mich nicht infrage. Ich liebe es, dass ich weiterhin OL machen kann, auch wettkampfmässig, aber nicht mehr im Schweizer Nationalkader-Trikot. 

Seit zwei Jahren bin ich Assistenztrainerin der Frauen-Nationalmannschaft. Ich bringe meine Erfahrungen ein und unterstütze den Nachwuchs. Der Orientierungslauf ist noch immer ein sehr wichtiger Teil in meinem Leben.

23 Goldmedaillen an Weltmeisterschaften sind eine unglaubliche Leistung. Was hat Sie rückblickend so erfolgreich gemacht?

Ich denke, das ist von sehr vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Ein erster wichtiger Punkt ist sicherlich die Gesundheit. Ich hatte in meiner Karriere keine grossen Verletzungen, wofür ich sehr dankbar bin.

Ein weiterer Baustein waren meine langjährigen Trainings in den verschiedensten Bereichen. Um erfolgreich zu sein, muss nicht nur die physische Grundlage stimmen, sondern auch die technisch-mentale Komponente. Ein wichtiger Punkt ist auch mein super funktionierendes und unterstützendes Umfeld. 

Wie bringen Sie Familie, Sport und Beruf heute unter einen Hut? 

Meine Beschäftigung als Assistenztrainerin hat den Vorteil, dass ich viel von zu Hause aus arbeiten kann.

Die Trainingslager sind frühzeitig planbar und mein Mann kann sich die Zeit frei halten. Es ist mir auch wichtig, mir bewusst Zeit für mich zu nehmen. Eine Runde Sport hilft mir, meine Gedanken zu sortieren, und oft kommen mir dann die besten Ideen.

Was ist Ihnen in der Kindererziehung wichtig?

Wir möchten unseren Kindern Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen vermitteln. Dass sie ohne Vorurteile mit Respekt und Anstand anderen Menschen begegnen. 

Wie sieht die Ernährung bei Familie Niggli-Luder aus?

Die Ernährung hat schon während meiner Zeit als Leistungssportlerin eine zentrale Rolle gespielt. Eine ausgewogene Ernährung ist ein wichtiger Baustein für die Gesundheit. Die Kinder mögen zum Glück sehr gerne Früchte und Gemüse, da muss ich sie nicht zum Essen überreden.

Ich achte darauf, regional einzukaufen, und nehme die Kinder dazu mit. Sie sollen lernen, welche Gemüse und Früchte jeweils Saison haben. Ich bin in meinen Ernährungsprinzipien jedoch nicht extrem und unsere Kinder dürfen zwischendurch auch Süssigkeiten essen. 

Müssen die Kinder im Haushalt mithelfen?

Oh, das ist ein leidiges Thema … wir versuchen es immer mal wieder mit einem Ämtliplan, aber bislang hat das nicht so gut geklappt.

Die Kinder sollen jedoch nach dem Essen ihren Teller abräumen und im Idealfall direkt in die Maschine versorgen. Insgesamt besteht bei der Mithilfe im Haushalt aber sicher Verbesserungspotenzial …