Frau Dr. Muser Leyvraz, was ist dran am Sprichwort: Bellende Hunde beissen nicht?

Ganz kurz gesagt: gar nichts. Bellen kann eine Warnung sein; wenn diese nicht respektiert wird, kann der Hund beissen. Es kann aber auch Ausdruck dessen sein, dass der Hund Aufmerksamkeit möchte. Wenn er diese nicht bekommt, kann er seinem Wunsch mehr Nachdruck verleihen und zwicken oder beissen.

Weshalb bellen Hunde überhaupt? 

Das Bellen gehört zu den natürlichen Kommunikationsarten eines Hundes; es ist seine normale Ausdrucksweise. Zwischen den Hunderassen gibt es grosse Unterschiede bezüglich der Bereitschaft zu bellen. Wachhunde wie Spitze etwa bellen deutlich häufiger.  

Welche Gründe gibt es, dass Hunde anhaltend oder übermässig bellen? 

Die Gründe können sehr unterschiedlich sein. Es gibt Forscher, die sagen, dass ein Hund immer dann bellt, wenn er in einem Konflikt ist, den er nicht lösen kann. Natürlich müssen verschiedene Aspekte beachtet werden, wenn man den Grund für übermässiges Bellen finden möchte.

Dazu gehören auch Alter, Geschlecht und Rasse des Tieres und ob er seinen  Fähigkeiten entsprechend ausgelastet ist. Viele Hundehalter sind sich zudem gar nicht bewusst, dass sie ihren Hund unbewusst zum Bellen erziehen. 

Das müssen Sie uns näher erläutern ... 

Fehler Nummer eins: den Hund überhaupt in die Situation zu bringen, in der er bellen muss. Am häufigsten erlebe ich in der Praxis Fälle, in denen der Hund ohne entsprechende Vorbereitung oder sinnvolle Beschäftigung alleine gelassen wird und deshalb übermässig bellt oder wo der Hund eine übermässige Bindung an seine Besitzer hat. Viele Hunde bellen auch aus Frustration oder um Aufmerksamkeit  zu erregen. Durch das Bellen wird dem Hund Aufmerksamkeit geschenkt.

Dann haben Sie kein Patentrezept, was man gegen übermässiges Bellen tun kann?

Leider nein. Man muss verstehen, weshalb ein Hund bellt. Erst dann kann man etwas dagegen tun. So braucht etwa ein Hund, der unterbeschäftigt ist und aus Langeweile bellt,  Abwechslung fürs Köpfchen und Bewegung oder beides zusammen.  Ein Hund, der bellt, weil er das Alleinsein nicht verkraftet, da er eine zu starke Bindung an seine Besitzer hat, leidet; er braucht eine andere Therapie.

Für den Hundehalter ist es oftmals nicht einfach, das Bellen richtig zu interpretieren, und es erfordert einiges an Geduld und Sachkenntnis, den Gründen auf die Schliche zu kommen. Deshalb ist es in Fällen, in denen ein Hund übermässig bellt, eine gute Idee, sich an einen Verhaltenstierarzt zu wenden, um sofort die richtigen Massnahmen einzuleiten.

Denn je länger solche Probleme bestehen, desto schwerer wird es, dieses Verhalten zu ändern. Je nach Diagnose genügen einfache, erzieherische Massnahmen nicht.