Sie sind Lehrerin für die Feldenkrais-Methode und arbeiten in einer Gemeinschaftspraxis in Zürich. Hat Ihnen die Erfahrung als TV-Moderatorin in dieser Tätigkeit genutzt?

Da gibt’s tatsächlich Berührungspunkte. Schon von der Bühnenausbildung her hatte ich einen Erfahrungsschatz, was Haltung, Atmung und Sprache anbelangt.

Die Bühnenarbeiter beim TV wussten damals, Regina braucht immer ein Holzbrettli, damit sie gerade sitzen kann. Beim Fernsehen betreute ich junge Ansagerinnen und zeigte ihnen, wie sie ihre Nervosität vor der Kamera in den Griff bekommen können.

Zum Beispiel mit Atemtechnik. Mit einem Arm auf der Bauchdecke kann man kontrollieren, ob man richtig ins Zwerchfell atmet und so genug Schnauf für einen grossen Sprechbogen hat.

Diese bewusste Körperlichkeit ist bei Feldenkrais wichtig?

Genau. Das fängt schon beim lockeren Kiefer, der weichen Zunge an.

Melden sich Patienten erst, wenn sich Schmerzen schon eingestellt haben?

Wir sind manchmal die letzte Station. Ich habe Klienten, die nach schmerzhaften Physiotherapie-Sitzungen resigniert haben. Die Feldenkrais-Methode arbeitet mit feinen und achtsamen Bewegungen, denn wir möchten die Entspannung ansprechen und damit das «Wohlfühlen».

Wie funktioniert die Bewegungstherapie konkret?

Wenn ich an einer blockierten Hüfte arbeite, suche ich nach dem ursprünglichen Grund. Unsere Muskeln sollen das Skelett in Balance halten, was bei manchen Menschen ins Ungleichgewicht geraten ist. Dann zeigen sich Abnutzungserscheinungen. Ein Ziel ist es, das Knochenskelett so beweglich zu machen, dass Spannungen nachlassen. Gerade nach Operationen ist es nicht einfach, einen akzeptablen Zustand zu erreichen.

Anders als die Physiotherapie, die muskulär aufbaut und viel kräftiger angewandt wird, arbeiten wir in der Feldenkrais-Methode am Skelett. Damit bringen wir die kleinen Skelettmuskeln in Bewegung, über die das Nervensystem angesprochen wird. So kann das Gehirn alte Verbindungen aktivieren oder neue finden.

Wie schnell stellt sich eine Verbesserung ein?

Genau diese Frage stellen auch die Krankenkassen oft. Das lässt sich nicht so einfach beziffern, denn jeder Körper reagiert anders. Und oft steht hinter dem körperlichen Problem ein ganz anderes Problem, eines, das aus den Lebensumständen entstanden ist.

Welche Herausforderungen kommen auf die Gesellschaft aufgrund der Überalterung zu?

Je älter die Leute werden, umso mehr Krankheiten können sich entwickeln. Unsere Kinder müssen sich mit anspruchsvollen Aufgaben auseinandersetzen, finanzieller und pflegerischer Art. Wir brauchen neue Wohnformen für ältere Menschen. Und wir selber müssen uns klar werden, dass der Tod zum Leben gehört.
 


 

Sie sind international anerkannter Practitioner des Schweizerischen Feldenkrais-Verbandes. Wo sehen Sie typische negative Auswirkungen unserer modernen Gesellschaft?

Im extrem langen Sitzen, der Beschäftigung am Computer. Nackenprobleme, die stellen sich übrigens oft bei Brillenträgern ein, die einseitig über den Brillenrand hinausschauen.

Sind Sie selbst aufgrund von Altersgebrechen auf die Methode gestossen?

Mich brachten im Alter von 50 Jahren Bandscheibenprobleme auf die Feldenkrais-Methode.

Heute Morgen hätte ich gesagt: so alt, wie ich bin. Aber genau jetzt: eine ganze Anzahl Jahre jünger!

Also etwa im Alter, als Sie die Ansagekarriere im Juni 1990 nach über 20 Jahren abschlossen. Vermissen Sie etwas aus dieser Zeit?

Die volle Konzentration, die einem diese Arbeit abverlangt. Auch das Schreiben der Texte, die im eigenen Sprachrhythmus geschrieben sein wollten. Die Popularität vermisse ich allerdings gar nicht. Das Aggressivste, was ich damals erlebte, war eine ältere Dame, die «ihr Schätzchen» in die Wange kniff. Als ich klarstellte, dass ich das nicht mag, schimpfte sie mir hinterher.

Angesprochen werde ich noch heute aufs Guetnacht-Gschichtli. Und erkannt wird offenbar noch immer meine Radio-Stimme, mit der ich ja bis 2000 auf Sendung war. Mein Dialekt, gepaart mit dem etwas heiseren Timbre, war wohl auch recht prägnant.

Man hört es noch: Sie sind gebürtige Appenzellerin. In der Heimat restaurieren Sie ja Ihr 250-jähriges Elternhaus.

Eine «never ending story»! Nicht einfach, in einem alten Haus eine Feuermelde-Anlage zu installieren und gleichzeitig den Ansprüchen des Heimatschutzes zu genügen.

Alterseinschränkungen hindern Sie offenbar nicht an Ihren vielfältigen Aktivitäten. Sie kommen eben von einer Weiterbildung aus New York zurück.

Es gibt noch vieles, was ich machen will! Nur – ich merke: ich werde schneller müde. Das gehört zum Altern wohl dazu. Ich gebe zu, ich tue mich schwer damit.

Sie sind bei Ihrer Arbeit fürs Fernsehen viel in der Schweiz herumgekommen. Noch unerfüllte Reisewünsche?

Polynesien. Mein Lebenspartner lebte lange dort. Wir wollten unsere Hochzeitsreise dorthin machen, leider verstarb er vorher. Nun würde ich gerne noch herausfinden, was ihn an Polynesien so faszinierte.

Gibt es etwas, was Ihnen am Altern Angst macht?

(Überlegt lange) Herzinfarkt und Schlaganfall. Aber das lässt sich ohnehin nicht steuern.

Was ist Ihr gefühltes Alter, Frau Kempf?

Heute Morgen hätte ich gesagt: so alt, wie ich bin. Aber genau jetzt: eine ganze Anzahl Jahre jünger!