Wie können Eltern feststellen, ob ihr Kind normal wächst oder Hilfe braucht?

Jedes Kind sollte einmal im Jahr möglichst exakt gemessen werden. Die Daten sollten dann von einem Kinderarzt auf einer Wachstumskurve (Perzentilenkurve) eingetragen werden. Das Gleiche gilt für das Gewicht. An den Kurven ist ablesbar, ob es dem Säugling, dem Klein- und Schulkind oder dem Jugendlichen gesundheitlich gut geht. Ungenügendes Wachstum und verzögerte körperliche Entwicklung können erste Zeichen einer chronischen Krankheit sein.

Was sind neben den gesundheitlichen weitere Aspekte, weshalb die Grösse eines Kindes wichtig ist?

Für das Kind und den Jugendlichen ist es wichtig,  «normal» zu sein.  Eltern merken, dass ihr Kind leidet, wenn es beispielsweise zu klein ist.  Zudem wird sportlicher Erfolg immer wichtiger, und es gibt kaum eine Sportart, bei welcher körperlich Kleine nicht benachteiligt sind.

Kann die Messung auch zu Hause gemacht werden?

Es ist für alle Seiten besser, wenn man die Kontrolle des Wachstums einer Fachperson übergeben kann. Wenn sie es aber trotzdem selbst messen wollen, dann muss das Kind dabei gerade an einer Wand oder einem Türrahmen stehen und mit den Fersen den Boden berühren. Ein Buch mit dem Buchrücken an der Wand langsam absenken, bis es oben den Kopf des Kindes berührt. Dann den unteren Rand des Buches an der Wand markieren und messen. In dieser Weise sollten pro Jahr ein bis zwei möglichst exakte Messungen gemacht werden. Ein Messfehler würde zur falschen Berechnung der Wachstumsgeschwindigkeit führen.

Wie verhält sich das Wachstum bei Kindern und Jugendlichen?

Je nach Alter unterschiedlich schnell.  In der Regel sind während der Primarschulzeit etwa vier bis sechs Zentimeter pro Jahr normal. Nach der Geburt und während der Pubertät sind es deutlich mehr. Der Wachstumsschub der Pubertät setzt übrigens nicht bei allen Kindern im gleichen Alter ein. So gibt es Frühentwickler und Spätentwickler. Ein Spätentwickler kann lange einer der Kleinsten sein, spät in die Pubertät eintreten und schliesslich an den anderen vorbeischiessen.

Kann man vorhersagen, wie gross ein Kind als Erwachsener wird?

Es gibt eine Faustformel für die familiäre Zielgrösse, das ist diejenige Grösse, welche die Kinder von zwei Eltern am ehesten ererbt haben könnten: Grösse der Mutter plus Grösse des Vaters, das Ergebnis dividiert durch zwei. Dann für Mädchen 6,5 Zentimeter abziehen, für Jungen 6,5 Zentimeter addieren. Zusätzlich können erfahrene Ärzte das biologische Alter mithilfe eines  Handröntgenbildes bestimmen und abschätzen, wann die Pubertätsentwicklung beginnt und welche Grösse voraussichtlich erreicht wird. Die Bestimmung des Knochenalters ist aber nicht einfach. Nur sehr erfahrene Ärzte garantieren eine gewisse Zuverlässigkeit.

Wie erkenne ich, ob das Kind zu gross oder zu klein ist?

In der Perzentilenkurve trägt man die Grösse eines Kindes ein. Anhand dieser Kurve sieht man, wie gross ein Kind im Vergleich zu Gleichaltrigen ist. Wenn es zu den drei Prozent der grössten Kinder gehört, spricht man von Grosswuchs, zählt es zu den drei Prozent der kleinsten Kindern, von Kleinwuchs. Das heisst jedoch nicht, dass das Kind als Erwachsener gross oder klein sein wird.  Die Endgrösse hängt auch davon ab, ob die Pubertät früh oder spät einsetzt. Normal ist, dass das Kind zwischen zwei und etwa zwölf Jahren auf der Kurve im gleichen Wachstumskanal bleibt.

Leiden Kinder unter ihren Grössen?

Zu kleine Kinder beginnen etwa ab einem Alter von sieben bis acht Jahren an wegen der Körpergrösse zu leiden. Die Gefahr besteht, dass sie entweder von gleichaltrigen Kollegen nicht ernst genommen werden oder sie haben vor allem im Sport weniger Chancen. Schwierig wird das Kleinersein aber vor allem in der Pubertät, und zwar dann, wenn die Ursache in einer Verzögerung der biologischen Reifung liegt. Wenn sich ein Knabe verzögert entwickelt, dann macht er seinen Pubertätswachstumsspurt auch später und wächst im Alter von 14 Jahren beispielsweise nur vier Zentimeter im Jahr, während seine gleichalterigen Kollegen bis zu zwölf Zentimeter im Jahr wachsen. Im Pubertätsalter ist aber Grösse und auch körperliche Reife ein zentrales Kriterium für die Hierarchiebildung. Und auch wieder der Sport: Im Pubertätsalter kristallisieren sich langsam die Talente heraus. In den meisten Sportarten hat ein kleiner Verzögerter auch bei aussergewöhnlichem Talent keine Chance.  

Gibt es in der Schweiz andere Normwerte als in Europa?

Die Grösse hält sich nicht primär an Landesgrenzen, sondern ist vom gemeinsamen Erbgut abhängig. Grundsätzlich sind die Erwachsenen im Durchschnitt in Ländern mit Überfluss auf der ganzen Welt gleich gross. In Europa gibt es jedoch Unterschiede von Norden nach Süden. Man kann davon ausgehen, dass die Süddeutschen gleich gross sind wie die Schweizer. Die Holländer sind derzeit die grössten Menschen der Welt und ich denke, dass die Norddeutschen sich von der Grösse her von den Holländern nicht so unterscheiden. Nun zur Wachstumsdynamik der Kinder: Hier gilt, dass je dicker ein Volk ist, desto schneller wachsen im Durchschnitt die Kinder, weil sie auch früher in die Pubertät kommen. Die werden dann aber am Schluss nicht grösser, sondern erreichen ihre Endgrösse einfach früher. So sind die Amerikaner im Schnitt fast zwei Jahre früher ausgewachsen als die Schweizer und die Deutschen. Die Insulinspiegel sind bei dicken Leuten bekanntlich höher und Insulin wirkt als Wachstumsfaktor.

Warum hören Kinder einfach auf zu wachsen?

Das ist meist eine falsche Wahrnehmung der Eltern. Verschiedene Krankheiten wie beispielsweise Nierenstörungen oder Darmkrankheiten, etwa die Zöliakie, bei welcher der Getreideinhaltsstoff Gluten nicht vertragen wird, können das Wachstum verlangsamen, ein Wachstumsstopp ist aber äusserst selten. Es kann sich um eine Hormonstörung handeln, etwa eine Unterfunktion der Schilddrüse, oder wenn die Hirnanhangdrüse zu wenig Wachstumshormon ausschüttet. Manchmal bremst auch eine Behandlung mit Ritalin das Wachstum.

Weshalb ist eine frühe Abklärung und Behandlung bei kleiner Körpergrösse wichtig?

Wachstumsstörungen sind in der Praxis doch selten. Um aber genau diese seltenen Fälle nicht zu verpassen, muss man genau hinschauen und sich nicht einfach auf ein mögliches späteres Aufholen vertrösten. Entscheidend ist bei jeder Störung, dass eine allfällige mögliche Therapie so früh wie möglich beginnt. Dann sind die Chancen gegeben, dass das Kind im Erwachsenenalter eine normale oder nahezu normale Grösse erreichen wird.